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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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eine Lächerlichkeit, daß wir uns über andere Menschen so auf 
regen.« 
»Ich reg' midi nicht über andere Menschen auf, sondern Ober 
deine Ansichten. — Wenn ich nun das Unglück hätte und blind 
'»ürde, wäre deine Liebe dann auch tot?« 
»Weißt du, Georg,« meinte sie ablenkend, »das kommt ja doch 
bei uns gar nicht in Frage, Du mit deinen Luxaugen! Wangen- 
heim dagegen hatte schon als Kind schlechte Augen.« 
»Das ist ja gleichgültig,« beharrte er eigensinnig, »und es ist 
ja auch gut, daß es bei uns nicht in Frage kommt. Und doch 
möchte ich wissen, wie du dich in solchem Falle verhalten würdest. 
Deine Gedanken darüber interessieren mich. Wäre deine Liebe 
dann auch auf einmal erloschen?« 
Ganz langsam, wie der Hauch auf einem Spiegel schwindet, 
zerrann das spöttische Lächeln ihres Mundes, und ein eigentümlich 
kaltes Glitzern glomm in ihren Augen auf. Und ihre Stimme war 
tief, und ihre Worte fielen langsam 
wie bröckelndes Gestein mit dumpfem 
Klang in weiches Moos. 
»Du fragst mich nach etwas, das 
nicht ist und nicht sein wird. Drum 
könnte ich eine Lüge sagen. Ich 
könnte dir sagen, was du zu hören 
wünschst, und du würdest und müßtest 
die Lüge annehmen wie die Wahr 
heit, die dich befriedigen würde 
Aber ich hasse die Lüge, weil sie 
feige ist.« 
Auf seine Seele senkte sich Angst 
wie ein schwarzes Tuch. Er wußte, 
ihre Antwort würde ihm großen 
Schmerz bereiten. Doch er fragte 
weiter voll Angst. Voll jener tapferen 
Angst, wie der Knabe laut pfeifend 
mit festem Schritte durch ein dunkles 
Zimmer geht, um das Grauen vor 
der Dunkelheit zu überwinden. So 
fragte er voll jener Angst der Un 
gewißheit, Zweifel zu bekämpfen. 
Er drang in sie, und seine Fragen 
entrissen ihr wie scharfe Zangen die 
Antwort, ihm selbst und der Frau 
zur Pein. 
Nein — ich glaube, ich könnte 
dich nicht mehr lieben.« Ganz ruhig 
sagte sie es, die Worte abwägend 
wie in kritischer Überlegung. 
Er hatte gewußt, daß ihre Ant 
wort so lauten würde. Und doch fiel es wie ein unerwarteter, 
schwerer Schlag in seine Seele, und zerriß den weichen Schleier 
einer Illusion, den er traumhaft in idealer Schwärmerei um seine 
Liebe gewoben. Ganz still saß er. Doch die Hände hatte er wie 
Halt suchend um die Lehnen seines Sessel gekrallt, denn die Wellen 
seines Blutes strömten auf und nieder. Es war ihm, als säße er 
in einer Schaukel, die sich hebt und senkt. Sie sah, wie die Ent 
täuschung in ihm wühlte, sein Gesicht war bleich vor Schmerz. 
»Hast du nicht selbst gesagt, daß du meine Schönheit liebst? 
Was aber sollte dir meine Schönheit, wenn du sie nicht mehr 
schauen könntest? Und ich selbst, ich würde mich elend und jammer 
voll fühlen bei einem blinden Mann. Meine Schönheit und meine 
Jugend wären verloren, sie wären verschwendet an einen, den sie 
nicht mehr erfreuen können. Was sollen dem Tauben die be 
rauschenden Töne der Musik? Er hört sie nicht. Was also soll 
dem Blinden die Schönheit? Er sieht sie nicht. Meinen Platz könnte 
dann jede andere besser ausfüllen, die nichts zu verschwenden 
hätte, die nicht um nutzlos vergeudete Schätze trauern müßte.« 
Bom gab keine Antwort. Seine Augen waren starr, wie in 
ungläubigem Staunen auf das Weib gerichtet, das mit ihrer ruhigen 
Sachlichkeit seine Seele wund riß. »Sieh mich doch nicht so an, Georg! 
Du bist ein Narr, ein Träumer! Du leidest Qual um Dinge, die 
niemals sein werden. Du kannst sehen und mein Schönheit genießen! 
Warum quälst du uns beide mit Gespenstern? Sieh mein Haar, das 
dich so oft erfreut, sieh meinen Leib, den du so liebst!« 
Die kühle Ruhe war aus ihrer Sprache geschwunden. Hastig, stoß 
weise, gleich aufgescheuchten Vögeln, entflogen die Worte ihrem Munde. 
Das leichte Morgengewand riß sie auseinander! Ihre Hände griffen in 
den schweren Knoten ihres Haares, un'd die gelösten, kupferroten Strähnen 
krochen wie glänzende Schlangen über ihre Schultern. Durch die 
Blätter fielen die Sonnenreflexe und tasteten zitternd mit goldnen, 
gierigen Fingern über : f.re Gestalt. Er starrte auf das Weib, auf 
ihre weiße, leuchtende Schönheit, die ihm säftestrotzend entgegen- 
quoll. In seine Augen stieg Blut, und die Begirde stieg auf in ihm 
wie ein Panther. Er war nicht die weiche, kosende Sinnlichkeit, die 
Freude und Liebe spenden will, wie sie ihn sonst zu seinem Weibe 
zog. Es war die wilde Begierde des Tieres, das nur nach eigener 
Befriedigung lechzt. Und in seine 
Begierde mischte sich etwas wie 
Haß. Der heiße Haß des Ohn 
mächtigen, des Gepeinigten, ein Haß, 
der nach Vergeltung sucht. Die 
Adern schwollen auf seiner Stirn, 
die Schlagader zog sich wie ein 
zerrender, zitternder Strick über 
seinen Hals. 
Da knirschte der Gartenkies unter 
schwerfälligen Tritten und zwei Füße 
stampften langsam die Terrasse herauf. 
»Ich wünsche einen guten Morgen! 
Hier ist die Post, Herr Professor.« 
Der alte Gärtner reichte ihm mit ab 
genommenem Hute einen Stoß Briefe 
hin. Bom riß ihm die Post aus der 
Hand. Seine Augen flackerten, und 
seine Hand krampfte sich um die Briefe. 
In diesem Augenblick haßte er den 
alten Mann mit einem tödlichen Haß, 
er hätte ihn erwürgen mögen. 
»Der Franz ist schon vorgefahren, 
Herr Professor«, sagte der Alte mit 
seiner zittrigen Stimme. 
»Ja, es ist gut, ich komme.« Born 
nahm Hut und Stock von einem leeren 
Sessel, auf dem sie lagen, und ver 
abschiedete sich mit dem gewohnheits 
mäßigen Kuß von seiner Gattin. 
Langsam, sich auf seinen Stock 
stützend, schritt er durch den 
Garten. Der Aufruhr seines Blutes war noch zu stark in ihm. 
Sein Gang war schwankend und er hatte ein zitterndes Schwäche 
gefühl in den Beinen. Er vermeinte bei jedem Schritt in den Knien 
einknicken zu müssen. Kurz erwiderte er den Gruß des Chauffeurs 
und ließ sich schwer in die Polster seines Mercedeswagens fallen, 
zündete sich eine Zigarette an und zog den Rauch tief in die 
Lungen. Erschöpft lehnte er sich zurück. Seine Gedanken begannen 
allmählich ruhiger zu arbeiten. Hatte seine Frau nicht recht, war 
er nicht wirklich ein Narr und ein Träumer? Was gingen ihn 
andere unglückliche Ehen an, was kümmerte es ihn, daß ein fast 
blinder Mann von seiner Frau schlecht behandelt und betrogen wurde? 
Nichts! Er konnte wahrhaftig mit seinem Schicksal zufrieden sein. 
Eine glänzende Stellung, einen großen Ruf trotz seiner Jugend, 
eine blendend schöne und dabei zärtliche Frau. Was wollte er 
eigentlich noch? Die Schuld lag nur an seinem ewigen Grübeln. 
Warum begnügte er sich nicht mit dem, was ihm die Gegenwart 
bot? Wozu denn immer die eigentlich recht törichte Frage stellen: 
Wie wäre es, wenn —? Er sann über den Vorfall mit seiner 
Frau nach. Die Schuld trug einzig und allein er, er hatte den Streit 
hervorgerufen. Statt sich mit den bestehenden, glücklichen Tatsachen
        
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