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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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'jeine 
I N London 
war es,, wo 
ich ihn zum 
ersten Male 
sah. Als junger 
Student besuch 
te ich dort einen 
meiner früheren 
Schulkameraden John L. Nach, ei* 
nigem Umherirren in der Themse* 
Stadt stand ich vor seiner Tür und 
läutete. Bin älterer, soigniert aus* 
sehender Herr in schwarzem Sakko 
öffnete mir. Er war glatt rasiert 
und hatte einen prachtvollen Cha* 
rakterkopf. Aha, dachte ich, der 
Herr Papa. Ich fragte, ob Johnny- 
anwesend wäre. Nein, war die 
höfliche Antwort, der junge Herr 
wäre auf dem Golfplatz. Als ich 
einige Stunden später Johnny die 
Szene erzählte, amüsierte er sich 
und erklärte mir, daß dieser vor* 
nehra aussehende ältere Herr Mr. Fellner, der 
Kammerdiener seines Vaters gewesen wäre. — 
Später kam ich mit Jimmy Fellner in nähere 
Berührung und erkannte in ihm das Ideal eines 
Kammerdieners. Johnnys Vater hatte ihn noch 
von seiner Junggesellenzeit her und betrachtete ihn 
als durchaus zur Familie gehörig. Und Jimmy 
war ein unersetzliches Kleinod! Eine vollendete 
Verkörperung der äußeren Form! Ein Aristokrat 
unter den Dienern! Mit einem Wort, er war der 
18 
Von M u B e r t M i B e 11 a. 
Typ des englischen Kammerdieners, wie er nur 
in diesem Lande möglich ist, denn in keinem 
andern Lande spielt der Diener eine solche Rolle 
wie in England. In den Häusern der oberen 
Zehntausend Londons ist das Personal größer 
als man gemeiniglich annimmt. Der erste 
Kammerdiener ist der Beherrscher des gesamten 
Personals und stellt ein Mittelding zwischen 
Privatsekretär und Diener vor. 
Seine Funktionen betreffen ledig* 
lieh die Person des Herrn. Er ge* 
nießt vor der übrigen Dienerschaft 
das Vorrecht, daß man nicht nach 
ihm läutet, sondern daß man ihn ru 
fen läßt. Ihm Trinkgeld anzubieten, 
wäre eine Beleidigung für ihn. Da 
er mit ‘seinem Herrn über die 
Tagesereignisse diskutiert, muß 
er auch einen hohen Grad von 
Allgemeinbildung besitzen. Am 
besten hat Oscar Wilde 
den Typ des englischen 
Kammerdieners in der 
Person des Phipps im 
»Idealen Gatten« cha* 
rakterisiert, wie sich 
überhaupt in der eng* 
lischen Literatur die 
Rolle, die der Kammer* 
diener in England spielt, 
oftmals widerspiegelt.
        
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