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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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DIE .BESCHIRMTE’ TRAU 
Von RENA TE. 
I—(' s * s * 9 l 't, wenn eine Frau beschirmt ist. Der Schirm 
J—/gewährt ihr Schutz — en tout cas! Wenn es regnet und 
wenn die Sonne scheint. Und da jetzt Sonnenzeit ist, und 
Sommer und Freude und Licht und 
Buntheit in der Natur, spiegelt sich das 
alles auf den Sonnendächern 
wider, die das Antlitz der 
kostbarsten Blume in der 
Natur, der Frau, vor den 
allzu dreisten Strahlen des 
himmlischen Gestirns schüt 
zen sollen. 
Der ostasiatische Einfluß, dem die 
Mode unterliegt, läßt sich auch 
an den Sonnenschirmen er 
kennen, denn der ganz 
flache japanische Schirm 
mit den gemalten Blu 
men und der herab 
hängenden Troddel steht 
in großer Gunst. Je 
kürzer und dicker der 
Stock ist, desto inniger 
kuschelt er sich in einen 
weichen Frauenarm 
ein, denn der mo 
derne Sonnenschirm 
ist viel mehr ein be- 
gleitendesPrunkstück 
zu einer ausgesucht eleganten Toilette als ein praktischer 
Gegenstand. Kubistisch-futuristisch mutet der „Totschläger“ 
dann an, wenn er rechteckig und mit den allerseltsamsten 
Arabesken und bunten Tieren geschmückt ist. Da schwimmt 
eine rosa Ente in einem Meer von silbergrauer Seide oder 
ein vorsintflutliches Tier rennt im Kreise um die Schirm- 
spitze herum, die allerdings mehr Ähnlichkeit mit einem 
stumpfen Riesenfingerhut als mit einer Spitze hat. Um 
den Rand des Schirms herum sitzen Vögel, aus deren 
Schnäbeln man ein Lied zum Lobe der unter dem Sonnen 
dach versteckten Trägerin erwarten könnte, so naturgetreu 
sind sie dahingemalt. 
Sonnenschirm aus fauenefeßfarßenem, 
gezogenem Taft mit Fransen. 
Phot.: P. Senneebe. 
Nicht nur die Stäbe der Schirme, die oft ganz aus 
Elfenbeil» hergestellt werden, sind mit kostbaren Schnitze 
reien und Malereien bedeckt, auch auf den Griff wird 
heute besonders viel Wert gelegt. 
Da stellen sie drollige Hunde-, Hasen- und Papageien 
köpfe dar, hier blinzelt ein Grimassen schneidender 
Buddha faul in die Sonne. Hier der aus kostbarem Elfen 
bein geschnitzte Japangott stellt vielleicht den Talisman 
der schönen Besitzerin dar, der in allen wichtigen und 
nichtigen Entscheidungen auf irgendeine Weise befragt 
wird. Ja selbst Elfenbeingriffe von alten Samuraischwertern 
führen in den Fländen entzückender Frauen ein weniger 
blutiges Dasein; denn das Gaukelspiel des Flirts und die 
Plänkeleien einer galanten Causerie können wohl nicht 
unter die eigentlich kriegerischen Ereignisse gerechnet 
werden. Der Bully aus dunklem Holz mit Elfenbeinohrcn, 
der entschieden etwas Dempsey-Carpentier-haftes an sich 
hat, blickt mit seinen herrlich nachgeahmten Glasaugen 
verliebt in die weniger glasigen seiner schönen Herrin und 
paßt sich in seiner Art vortrefflich in den gedrungenen 
Charakter des Sonnenschirms ein, und der am Ende des 
Stockes hängende Schlagring aus Galalith oder Schildpatt 
soll wohl diskret andeuten, daß die moderne Frai» auf 
dem Terrain des Selbstschutzes Fortschritte macht und 
augenblicklich Jiu-Jitsu lernt! 
Zu den leichten, duftigen Toiletten, die wie ein 
Sommertagstraum anmuten, gehört auch ein leichtes, 
duftiges Sonnendach, das diesen Traum nicht zerstört. 
Gleich Muscheln im perlmutternen Glanze schimmernd, 
lebendig und sanft wie Blumenkelche oder Frauen 
hände, fügt sich der silbergraue Sonnenschirm in das 
rauhe Stilkleidgebilde zu einem wundervollen Ganzen, das 
Stilkleid, das der Übergang des kurzen, fuß-, waden- und 
kniefreien Kleides zu der rüschenbeschwerten, volant- 
besetzten Krinoline ist. 
Rüschen, Volants, Spitzen und 
Fransen weisen and» die 
Sonnensdiirme auf, die 
zu den beliebten Glas- 
batistkleidern getragen 
werden. Da genügt 
natürlich nidit ein 
hauchfeiner Heiligenschein, es 
müssen viele Aureolen sein, 
die, eine jede zum je 
weiligen Kleide passend, den 
Ruhm einer bis ins letzte 
Detail elegant gekleideten 
Frau begründen. Wie ein 
Kreis, der immer weitere 
Kreise nad» sich zieht, er- 
sdieint dem entzückten Be- 
sdiauer erst das jugendlid» 
runde, rosige Antlitz der 
Dame, dann ihr breitrandi 
ger, mit Federn, Blumen 
oder Blättern gcsdimückter 
rosiger Hut, und dann ihr 
rosiger Sd»irm, der ganz aus 
gefältelter Seide, mit einem 
Fransenrand einen Wider- 
schein der s,„blenden Sonne 
auf das strahlende Gesicht pfioi ■. R. Snwecßc.
        
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