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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Schneider verschiedene wichtige Anproben gehabt habe, 
und dann fiel ihr „Loves“ eisiger Empfang wieder ein. 
Wie kann man nur einen so schlecht erzogenen Bully 
haben!... Mehr als ... zwei Stunden ... war sie weg, 
und er geruhte nicht einmal, seinem Frauchen Guten 
Tag zu sagen! 
„Love“ musterte . . . ohne sich vom Fleck zu rühren, 
streng den schönen Mund mit den reinen, kindlichen 
Linien, dem die Gräfin Rita den überraschend un 
schuldsvollen Ausdruck verdankte. 
Ach, wie hatte der Kerl diesen unschuldigen Mund 
zugerichtet! Der war ja noch ganz von Lust geschwellt, 
blutrot von den Bissen seiner Zähne, die sich wild da 
rin vergraben hatten. Waren die Spuren nicht mit 
bloßem Auge zu erkennen?! 
Und die zwei dort merkten nichts davon! 
Die junge Frau hatte Malbert und Wobka zu Zeugen 
genommen und beide gaben, nachdem sie ihre erste 
Bewegung überwunden hatten, wortlos ihrem Staunen 
über das Verhalten des Hündchens Ausdruck. 
Jetzt nun gar, als er sie näherkommen sah, knurrte 
er, als wollte er sie vor 
weiterem Nahen warnen. 
Aber sie fürchtete sich durch- 
aus nicht vor seinen Droh 
ungen, ging zu ihm und 
hieß ihn gehorchen. 
Was sollten diese Launen 
heißen, die ihn unerträglich 
machten? ... Die Gräfin 
glaubte den beiden Herren 
auseinandersetzen zu müssen, 
daß „Love“ seit genau sechs 
Wochen ... an jedem Don 
nerstag und Dienstag . . . 
ihr schreckliche Auftritte 
mache und sich nicht einmal 
geniere, ihr die Kleider und 
Spitzen ihrer Dessous zu 
zerreißen. 
Und dabei war das Tier 
sonst so reizend und sie 
hatte es doch nun schon fünf Monate — das heißt 
seit ihrer Hochzeit... denn es gehörte ihrem Manne! 
War das nicht wirklich ein Rätsel ? 
Malbert, dem die Lachlust auf dem Gesicht ge 
schrieben stand, meinte vieldeutig: 
„Sollte Love nicht etwa gar eifersüchtig sein?“ .. . 
Die junge Frau zuckte heftig zusammen, aber sie 
unterdrückte schnell diese Regung. 
„Und auf wen sollte denn mein Hund eifersüchtig 
sein? , . .“ 
Die schöne Rita wollte die Röte verbergen, die 
plötzlich ihr Gesicht überströmte, und beugte sich 
schnell zu dem Bully nieder, der wütend wurde und 
aus Leibeskräften zu bellen begann. 
Ja, er hatte den Verrat der schönen Rita — zwischen 
fünf und sieben — recht gut gewittert, und seine 
Hundenase hatte ihn nicht betrogen. Das schnupperte 
man doch auf Kilometer in der Runde. Der Ehemann 
und die beiden Herren da, die schon nach fünf Ehe 
monaten .. . ihre Kandidatur anmeldeten — war es 
nicht eine Schande! — mußten aller Witterung bar 
sein!!! .... 
Bei „Loves“ Kläffen war Graf von Bula in den 
Salon heruntergekommen, ln den Armen seiner Freunde 
lachte erTränen über den unbegreiflichen Zorn desTieres. 
Jetzt hatte sich der Bully wutschnaubend in das Kleid 
seiner Frau verbissen. 
Die schöne Rita schwärmte trotz allem für ihn. Aber 
um ihn zum Loslassen zu bringen, mußte sie ihn mit 
der Peitsche schlagen. Da endlich kroch er langsam, 
unter Schmährufen auf die Gräfin, zu seinem Herrn 
und legte sich ihm zu Füßen. 
Als der Wagen der beiden Freunde, von trabenden 
Füchsen gezogen, mit ihnen davoneilte, hatte Malbert 
nicht mehr sein liebeverzücktes Gesicht, sondern einen 
spöttischen Zug, der Wobka auffiel. 
Am folgenden Dienstag saßen Malbert und Wobka 
in einem sorglich verschlossenen Automobil, das nicht 
weit von einer diskret entlegenen Villa hielt, und er 
warteten, daß die schöne Rita herauskommen sollte. 
Sie erschien; bis zum Gitter begleitete sie ihr Lieb 
haber, und dann wagte sie sich mit unendlicher 
Vorsicht allein in die öde Straße und nahm einen 
vorüberfahrenden 
Wagen 
Ein schmerzlicher 
Seufzer entrang sich 
Wobkas Brust. 
„Armer Wobka!“ 
meinte Malbert mit 
leidig. 
„Ich hielt 
sie — für ein 
Lämmchen —“ 
barmte der 
andere. 
„Für ein... lecke 
res . . . Lämmchen“ 
betonte der Baron. 
„Freilich!... Aber 
was für ein Rein 
fall! . . . Und dabei 
hätte ich geglaubt, 
der Erste zu sein!“ 
Malbert überflog 
ein unbeschreib - 
liches Lächeln und 
er sagte nur: „Tröste 
dich, lieber Freund! 
... Ich auch! . .“ 
(Autorisierte 
Übersetzung von 
Horst Broichstetlen)
        
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