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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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lebte noch. War aber 
schon sehr kränklich. 
Weihnachten kam 
heran. Ich machte cs, 
wie fast alle meine 
Mitschülerinnen und 
verkaufte Streichhöl 
zer und Christbaum 
schmuck. DasGcschäft 
ging nicht schlecht. 
Nur die Jungens waren 
uns über. Da war 
besonders einer aus 
unserm Haus, er 
war fünfzehn Jahre alt und konnte reden wie ein 
Alter. Wir standen nicht weit voneinander und gingen 
abends auch gemeinsam nach Hause. Er war sehr 
anhänglich, und ich mochte ihn gut leiden. Der heilige 
Abend war regnerisch, und die Leute eilten alle bei 
mir vorbei; keiner kaufte etwas. Ich hatte ein Re 
zept in der Tasche für Muttcrs Medizin. Die kostete 
eine Mark, und ich hatte noch keinen Pfennig ein 
mitten ins Gesicht. Da 
sagte er; .Nichteinmal 
das, was alle gern 
tun, willst du für deine 
kranke Mutter . . .. ‘ 
— Weiter brauchte 
er nicht zu sprechen. 
Ich gab ihm — was 
er wollte — für eine 
Flasche Medizin. Und 
doch war das Opfer 
umsonst gebracht. 
Als ich heimkam, war 
Mutter tot . . .“ 
Carmen hatte geendet, — wir schwiegen ergriffen 
ob dieses Mädchens Schicksal. Plötzlich richtete sie 
sich auf, stürzte ein Glas Wein hinunter — und sah 
mich an. „Wollen Sie noch mehr wissen?“ Und 
zögernd nur wagte ich zu sagen: „War das das 
einzige Mal?“ Ein mitleidiges Lächeln: „Nein!“ 
Und dann mit erhobener Stimme, als ob sie sich ver 
teidigen müsse: „Aber nie wieder für Geld, höchstens, 
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kostenlos 
genommen. Es wurde immer später. Da kam Hans 
zu mir heran und sagte: .Ausverkaufs Kommst du 
mit nach Haus?“ — Ich zeigte weinend auf meinen 
vollen Kasten und sagte ihm auch von der Medizin. 
Da ging — wie mir es schien — ein mitleidiges 
Lächeln über sein Gesicht, und er sagte, wenn ich 
ihm einen kleinen Gefallen täte, würde er meinen 
ganzen Kram verkaufen. Ich gab ihm meinen Kasten. 
.Erst den Gefallen tun“, sagte er. Was cs sei, 
wollte ich wissen. .Komm mit*, und er zog 
mich in eine dunkle Toreinfahrt. Dorf sagte er 
mir, daß er mich schon lange liebe, ich sollte 
seine Frau sein. Ich verstand ihn wohl nicht 
recht. Da wurde er deutlicher. Ich schlug ihn 
WEINRESTAURANT 
Haus ersten Ranges 
Herrliche Sommer - Terrasse 
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Kurfürstendamm 11 
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»umuraiiiiimiiummum.mmmimimimiüHiiimmiiiiiiimmiii«i Hüll • 
I. Etage 
um im kältesten Winter ein Nachtlager zu haben, 
wenn die Palme (Asyl für Obdachlose) überfüllt war. 
Nun aber wird cs ja wieder Frühling, da habe ich 
so was nicht nötig, da kann ich bei Mutter Grün 
schlafen.“ 
„Auch das hast du nicht mehr nötig, kleine Carmen,“ 
sagte Herr Mertens, „wenn du bei mir bleiben und 
meiner alten Haushälterin helfen willst.“ 
Ganz erstaunt sah ihn das Mädchen an, dann aber 
schüttelte sic den Kopf und sagte: „Das geht doch 
nicht.“ — „Warum?“ — „Weil ich das nicht annehmen 
kann.“ — Mertens lächelte; „Du sollst dafür ja arbeiten 
und — mir manchmal etwas Vorsingen und — vielleicht 
lernst du auch dich selbst begleiten.“ — Und Carmen 
blieb . . . . 
Böse Zun 
gen be 
haupten, 
sic sei jetff 
Mertens’ 
Geliebte. 
Das kann 
aber nicht 
sein, denn 
sichatdoch 
ihr eige 
nes Schlaf 
zimmer. 
‘Fritz A. Meyen. 
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Perlen 
Uuweled 
S»hr grösst* Silbertagtr 
Margraf £ Co. 
Kanonierstrasse 9 
Taaentzienstrasse 18 a, 
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