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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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ZURÜCK VON DER SOMMERREISE 
Von Kuno von K a ß ßß e r g. 
\ tteine Sommerreise war zwar kurz, aber denkbar vielseitig und eigentlich 
nicht teuer. Alles in allem, einschließlich der Gebühren für zerbrochene 
i. V JL Gläser, habe ich etwa 300 Mark bezahlt, und was hatte ich alles gesehen, 
genossen und verdaut. 
Die ganze taufrische Urwüchsigkeit des bayerischen Volkslebens hatte wie 
ein Stahlbad meine angegriffenen Nerven umspült. Ich hatte schuhgeplattelt, 
Salzbrezeln und warme Würstchen direkt aus der Hand gegessen und dazu 
hochprozentiges Bier aus zweifelhaften Steinkrügen getrunken. Sonderbarerweise 
macht es gerade dem sonst so verfeinerten Großstädter einen unbändigen Spaß, 
einmal die guten Manieren, die er zu haben glaubt, abzulegen und sich so zu 
benehmen, wie er glaubt, daß das Naturvolk sich benähme. Übrigens hat der 
bayerische Dialekt zweifellos etwas Ansteckendes. Man kann immer verfolgen, wenn 
so ein rauher Sohn der Berge einen Kreis betritt, daß bald alle anderen Teilnehmer 
im Dialekt zu sprechen versuchen. Wer bis dahin jüdelte, jodelt auf einmal, und der 
Gent wird automatisch zum »sakrischen Buam«. Warum hat der Berliner Dialekt nun 
aber in München nichts Ansteckendes, sondern wird von den Ureinwohnern mit Worten 
bezeichnet, die von »damisch« über »schlampet« bis »saudumm« gehen! 
Gar nicht weit von meinem Bayerndorf lag ein See, kein richtiger See-, aber doch ein See 
mit richtig gehenden Wogen, auf denen sich Pärchen in kleinen gondelartigen Gefäßen schaukelten, 
wobei es darauf ankam, mit möglichst viel Tempo die anderen zu rammen. Mit Rücksicht auf 
die eiserne Zeit ist der See auch aus Eisen, er gehört sozusagen zum eisernen Bestand, der nur 
im »eisersten Notfälle«, wie der Sachse sagt, angebrochen werden darf. Man breche ihn also 
nicht an, sondern hier ab und nieder auf, um weiter zu gelangen. 
Nebenbei bemerkt muß man zu allen solchen derben Belustigungen grundsätzlich nur mit so 
genannten anständigen Damen gehen, die sind nämlich genußfähiger, ausgehungerter und dank 
barer, als die unanständigen Damen, mit denen man ja in die anständigen Lokale gehen kann, ja 
sogar muß. Einer Gräfin kann man ein Holzstöckchen mit verzuckerten Nüssen schenken, bei einer 
Kokotte wirkt so etwas leicht »dof« und man läuft Gefahr sich lächerlich zu machen, und bekannt 
lich soll über den Kavalier nicht mehr gelacht werden als unbedingt notwendig ist, das Leben ist 
sowieso schon komisch genug, wenn man sich bemüht, es ernst zu nehmen. 
Nachdem ich eiserne Seeluft geatmet hatte, drängte es mich zum Gebirge, das sich in konkubisti- 
seher Pracht zum Himmel türmte, neckisch durchschossen von einer Berg-und-Tal-Bahn, deren Ge 
brauchsanweisung kurz folgende ist; Man wähle sich eine hübsche Partnerin, die anschmiegsam, 
zutraulich, ängstlich und schutzbedürftig ist. Solange es bergauf geht, sei man förmlich und vor 
nehm zurückhaltend, geht es aber bergab, so kann man sich einige Freiheiten herausnehmen, die 
sich mit der Geschwindigkeit steigern, und lautes Kreischen und Quietschen auslösen. Hat man 
seine Sache gut gemacht, erhält man auch hierbei das liebe, aufmunternde Wort: »Ach bitte noch 
einmal«. Übrigens kann man sich nicht abonnieren. 
Wer sich für Dessous interessiert, verfehle nicht das Teufelsrad aufzusuchen, über dem als Motto 
stehen könnte: »Doch der Mensch versuche die Götter nicht, und begehre nie und nimmer zu 
schauen, was mit Röcken bedecken die gnädigen Frauen«, Heute, im Zeitalter des Beins, sieht man 
da recht erfreuliche Dinge, in der Beziehung haben wir überhaupt viel zugelernt. Wo sind die 
Zeiten hin, als man die »Dame« im allgemeinen am schlechten Schuhwerk erkannte. Heutzutage 
sieht äußerlich eine Dame fast ebenso aus wie »so eine«, und der Unterschied besteht darin, die 
Dame spricht mit Vorliebe von der Liebe, während die andere grundsätzlich nicht »fachsimpelt«. 
Nach all den aufregenden Sachen sehnt man sich nach der unendlichen Weite der russischen 
Steppen und schon umschmeicheln uns die Töne einer russischen Kapelle. Worte, wie Balalaika 
und Sarafan dringen an unser Ohr und das Lieblingslied der begeisterten Menge bat den Refrain: 
»Mit der Troika«. Was eigentlich damit geschieht, weiß keiner, voraussichtlich aber fährt man wohl 
damit, aber zum mitsingen paßt das Wort Troika zweifellos besser als z. B. Nachtomnibus. Aber dieser, 
auch Liebesschaukel genannt, kommt später . . . 
Manchmal dirigierte die geduldigen, gutmütigen Russen ein Gast im grauen Jackett und mit treuen, ver 
schwommenen Kognakaugen, überhaupt herrschte hier eine gemütliche Stimmung. Hier war es auch, wo ich 
mein »Damaskus« erlebte. Plötzlich tanzte ich Jazz und Shimmy, und zwar stundenlang, wenigstens hielt ich 
meine Bewegungen dafür, bis mir ein Bekannter hart und lieblos sagte: »Sie, mit Ihrem Ballen, können so 
etwas ohne Streichkappen überhaupt nicht tanzen, sonst hauen Sie sidh Überbeine«. Tief verletzt wollte ich 
mit meinem Anhang nebst Ballen die Stätte verlassen, aber auf einmal wurde es interessant. Am Neben 
tisch entstand ein Streit, in dessen Verlauf der große, graue Herr, der eben noch so nett den Taktstock ge 
schwungen hatte, bei seinem Gegner derartig einen Haken zu landen wußte, daß dem sofort die Nase blutete. 
Daraufhin trat schnell Ruhe ein, denn Blut ist dicker als Sherry-Cobbler, und bald schmiegten sich die Pärchen 
wieder im Tanz. Man war wirklich auf seine Kosten gekommen und die kleine Keilerei zum Schluß 
rundete die Sache so hübsch harmonisch ab. Man zitierte kernige diesbezügliche Aussprüche wie z. B.; 
»Ick hau dir eene uffn Kopp, det de aus de Rippen rauskuckst wie ausm Vogelkäfig«. A propos 
Vogelkäfig! Es gibt da auch eine Würfelbude, wo man lebendige Vögel gewinnen 
kann. Mit Mikosch geht man da besser nicht hin. Man soll überhaupt mit ernsten 
Dingen nicht scherzen . . ., sondern lieber noch ins Luna-Palais gehen, wo die Klepto- 
kratie Groß-Berlins sich zwanglos mit der Blüte der eleganten Weiblichkeit vereint bei 
Sekt, Jazz und Gasballons. Ach wie süß, wenn so ein unschuldiges kleines Mädel 
mit seinem Ballon oder seinem Teddybär spielt, aber auch da gibt es Nörgler, die so 
etwas affektiert finden und es ist doch so »nuttlich«. 
Ja und dann, dann geht man nach Hause/ gehört man zum Mittelstand, benutzt man 
dazu die schon erwähnte Liebesschaukel, die mit Pferden bespannt ist, einer Tiergattung, 
die auch das Material für die warmen Würstchen an der Halenseef Brücke liefert. 
Und dann . . . und dann . . . und dann ... ist die Soramerreise zu Ende und der 
Ernst des Lebens beginnt wieder am Wittenbergplatz. 
Nächstes Jahr mache ich aber mal eine richtige Sommerreise, keine solche Konserven 
reise mit künstlichen Gebirgen, oder wie jener Mann mit viel Phantasie, der sich auf 
eine alte Petroleumlampe setzte, mit dem Sitzteil über den Brenner fuhr und dann in 
Italien zu sein glaubte.
        
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