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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

«V X E 
Ufustration en von E r i <d> Godaf. 
Von Georg Schade. / 
auerte die Unterredung drinnen bei dem 
Anwalt lange! Paul saß wie auf glühenden 
Kohlen. Ganz zwecklos doch, daß er seine Zeit 
vergeudete,- auf einen Vergleich ging er doch nicht 
ein. Abnehmen mußte die Dame die Bilder, 
wenn es auch Kniestücke waren und nicht »ganze 
Figur«, wie sie gewünscht hatte. Kniestück wirkte 
immer künstlerischer,- das mußte er als anerkannter 
Kunstphotograph besser verstehen , . . 
Pauls Blick sdiweifte unruhig durch den Raum 
und blieb schließlich auf einer Glaswand haften, 
die den Warteraum von dem Schreibmaschinen* 
büro trennte. Eine grüne Gardine reichte nur 
so weit herab, daß ein 
breiter Spalt bis zur 
Holzverkleidung blieb. 
Und dort — prachtvolles 
Bild. Ein Paar voll* 
schlanke Beine in hauch* 
dünnen Seidenstrümp* 
fen. Der graue Kleider 
rock, offenbar ganz 
kurz, ließ die Knie sehen 
— wundervoll gerundete 
Knie. Na ja — eben auch 
»Kniestück«,- das wirkte 
immer künstlerisch. 
Doch eine reizende Mode, die ganz kurzen Röcke. 
Was man da für Einblicke gewann — man war 
schnell orientiert. Was für ein nettes Mädel mochte 
zu diesen Knien gehören! — Schade, daß man nicht 
weiter nach oben sehen konnte! . . . 
22 
Die Maschine klapperte rhythmisch,- Paul träumte 
symphonisch. Jetzt verflog die Wartezeit, und als 
der Rechtsanwalt rief: »Der nächste, bitte!« s dt redete 
Paul zusammen . . . Gegen die Überredungskünste 
des Anwalts blieb er taub. Kein Vergleich! Knie* 
stück war und blieb künstlerisch . . . Ob er einmal 
fragte, wann Büroschluß sei? — Der kecke graue 
Rock ... die prachtvollen Knie . . . Paul fühlte sich 
innerlich erregt,- nur wußte er nicht, ob als Künstler 
oder als Mann. — _ 
Da klopfte es hart. DieSchreibmaschinistin brachte 
Post zur Unterschrift und kramte dann in Aktenstößen. 
Pauls Blicke fielen entzückt auf hauchdünne Strümpfe, 
glitten höher und — er 
erstarrte. 
»Das ist — « stotter* 
te er halblaut. 
»Meine Schreibma* 
schinistin. Sehr zuver* 
lässig,- ich habe sie sdion 
zwanzig Jahre«. 
»Und sie hat ja eine 
schiefe Schulter«, platzte 
Paul heraus, schlug sich 
aber gleidt auf denMund. 
»Oh, Sie können laut 
sprechen«, sagte der An 
walt lächelnd. »Halb taub ist sie auch«. — 
Paul war erschüttert. Diese Mode! Welchen 
Enttäusdiungen war man ausgesetzt! Einem 
Vergleich war er nicht mehr abgeneigt,- »ganze 
Figur« war besser als »Kniestück«.
        
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