Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

19 
plötzlich ein seltsames Gemisch von Zagen, banger Sorge und 
unterdrückter Lüsternheit. 
»Wir sind nun schon eine Viertelstunde hier im Zimmer«, 
begann er kleinlaut. 
»Ja, wenn Sie so lange solchen Unsinn reden!« unterbrach 
ihn Dora unwirsch. 
»Ich fürchte nur , . . 
ich denke .... wenn 
wirietztandereZimmer 
nehmen, werden wir 
dieses auch noch be 
zahlen müssen!« fuhr 
er unbeirrt fort, und 
setzte dann als Trumpf 
hinzu: »Wahrschein 
lich gibt's auch gar 
kein anderes.« 
»Na . . . meinet 
wegen . . . bleiben wir 
hier«, sagte Dora kurz 
entschlossen und be 
gann sich die Bluse 
aufzuknöpfen. 
Parzival Amadeus 
stand noch immer vor 
den Betten und stierte Jetzt in eine Zimmerecke, wobei seine 
Finger auf den Hosennähten tremoherten. — Hinter seinem 
Rücken hörte er das Rascheln von Stoffen, das Knistern von 
Seide. Zierliche Absätze stampften eigenwillig den Boden, Ihm 
wurde siedendheiß und die Gepäckstücke dort am Boden be 
gannen einen wilden Indianertanz vor seinen Augen. 
Jetzt knarrte leise ein Bett, Federkissen raschelten und Doras 
Stimme ertönte: »So machen Sie doch das Licht aus und legen 
Sie sich nieder!« 
Das war Erlösung. Er atmete auf. Die Köfferchen be 
endeten ihren wilden Tanz und stellten sich ordnungsgemäß in 
Reih und Glied. Seine Hand tastete nach dem Schalter. Ein 
Knips . . . das Licht erlosch. 
geschickt!. In jeder Weise. - Sie glaubte neben sich sein Herz 
klopfen zu hören. Oder war es das ihre? — Sie lauschte 
gespannt in das Dunkel. — 
Parzival Amadeus lag unbeweglich. Dora merkte, wie er 
die Atemzüge gewaltsam dämpfte, und ein resignierter Seufzer 
entrang sich ihrem Munde . . . 
Da — was war 
das? — Unter der 
Bettdecke stahl sich 
suchend eine tastende 
Hand heran . . Lange, 
dürftige Finger bahnten 
sich einen Weg durch 
die weichen Kissen 
und fuhren jetzt be 
hutsam kosend über 
ihren vollen, runden 
Arm . . , Hallo! 
Sie zog den Arm 
fester an den Körper 
und wandte sich zur 
Seite. Man muß doch 
den Schein wahren! — 
Doch — da ~ die 
Hand verschwand und 
Parzival Amadeus lag unbeweglich wie zuvor. — — — 
War das denn möglich?? — Sie lauschte gespannt in das 
Dunkel . . . Die anfangs ängstlich kleinen Atemzüge wurden 
länger und regelmäßiger. 
Sanft nahm der Traumgott Besitz von Parzival Amadeus' 
kindlichreiner Seele . , . Sein hageres Gesicht lächelte im 
Halbschlummer. Niedliche Füßchen in Seidenstrümpfen tanzten 
auf und nieder. Da war eine seidenbestrumpfte, runde 
Wade , . , Als er aber hincinbeißen wollte, merkte er, daß 
es eine Blutwurst war. Er lächelte ... da wollten die Schachteln 
wieder einen Tanz aufführen, aber dann verschwamm alles. 
Ein Seufzer der Erleichterung , . , leises Schnarchen, das immer 
stärker wurde. 
Tief seufzte er auf . . , Nun erst wagte er es, sich zu 
rühren. Sprunghaft gingen seine Gedanken. Niederlegen . . . 
ja, das wollte . . . das mußte er . . . Aber die Betten standen 
ja dicht beisammen! — Wieder wurde ihm siedendheiß. Nur 
Ruhe! — Es mußte sein ... ja, es mußte wirklich sein. 
Und ... es war ja aud» dunkel. 
Schnell den Rock aus. Krawatte . , . Kragen . . . Nun 
die Stiefel . . . Seine Hände zitterten so heftig, daß cs nicht 
gelingen wollte, die Schnürbänder zu lösen . . ._da . . . jetzt 
ein Knote^! . , . Oh, diese Dunkelheit! 
da . . . ein Ruck , 
Er zerrte 
sein Fuß glitt aus und er fiel der Länge 
Dora hörte cs schaudernd und zog sich die Bettdecke über 
die Ohren. Nein, so was! , . . 
»Es ist sieben!« rief eine grobe Stimme. Der Hausdiener 
weckte zum Zuge. 
Dora fuhr hoch und blickte sich verblüfft um. Was war . . . 
Wo! , . . Ach, richtig! . . . Ein Blick auf das Bett nebenan 
zeigte ihr, daß das Ganze kein Traum gewesen war. 
Parzival Amadeus' dürftiges Gesicht blickte aus den 
Kissen und seine dünne Stimme sagte: »Guten Morgen, 
Fräulein!« 
nach zu Boden. 
Da hörte er ein Kichern, das er in seiner Situation als sehr 
unzeitgemäß empfand, und dann eine Stimme: 
»Oje, oje! Haben Sie sich weh getan? Soll ich Licht 
machen?« 
»Nein, nein!« klang es angstvoll zurück, und 
man wußte nicht, auf welche der be.den Fragen 
sich diese energische Verneinung bezog. »Ich 
bin schon fertig.« 
»Wie?« - 
Der Stiefel mit dem verknoteten Band ging 
nicht vom Fuße. Einerlei! Nur jetzt schnell 
hinein ins Bett! 
Mit einem Ruck war er im Bett und zog 
die Decke bis zum Kinn hoch. Dann lag er 
steif wie eine vom Postament gestürzte Bild 
säule auf dem Rücken, ohne sich zu rühren. 
Nur ein zitternder Seufzer stieg gegen den im 
Dunkel liegenden Plafond mit den zwischen 
Rosengirlanden fliegenden Amoretten. — 
Dora hatte mit geschärften Sinnen alle. Vor 
gänge verfolgt. Nein, er war doch zu un 
Da lachte Dora 
Rasch v 
hinter einem 
vollständigte. 
und schüttelte mit diesem Lachen alles ab. 
sie in den Kleidern, während Parzival Amadeus 
Ofenschirm In einer Ecke seine Toilette ver- 
Dann bezahlte er die Hotelrechnung, die 
Droschke zum Bahnhof, löste für Dora die 
Fahrkarte nach Berlin und half ihr das Ge 
päck in den Frühzug. Sein Zug ging erst eine 
halbe Stunde später. 
Ehe Dora in das Wagenabteil stieg, bekam 
er einen Kuß, den er, vor dankbarer Ver 
blüffung errötend — nicht erwiderte. 
Die Lokomotive pfiff. 
Parzival Amadeus schwenkte seinen breit 
randigen Künstkrhut grüßend, 
Dora blickte aus dem Fenster und lachte, 
lachte, bis sie nichts mehr von seiner wehenden 
Künstlermähne sehen konnte. 
Dann sank sic lachend in die Polster und 
flüsterte: 
»Parzival!«
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.