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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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federn einführten, so tragen die modernen deutschen Damen 
heute fast ausnahmslos den Fächer ans Straußfedern. Der 
Vogel Strauß hat in jüngster Zeit an Ansehen außerordent 
lich gewonnen. Nicht nur, daß viele ihm seine Politik ab 
gucken, nämlich den Kopf in den Sand stecken und meinen, 
man sehe sie dann nicht, nein, sie reißen ihm auch so 
viele Federn aus. wie 
sie nur können, 
weil die 
Frauene 
die- 
Neben dem Strauß sind cs vor allem der Marabu, der 
Paradiesvogel, der Reiher und auch unser einfacher Hof 
hahn, denen die Aufgabe zufällt, die Frauen zu schmücken. 
Sie tun dies in ihrer bekannten großmütigen Art, indem sie 
alles hergeben, was ihnen der liebe Oolt an Federn verliehen 
hat. Diese Federn werden einem so raffinierten chemischen 
Verfahren unterworfen, daß es für den Laien fast unmöglich 
ist, den Schieber »Paradiesvogel« oder »Marabu« von dem 
Kommunisten »Hahn« nach seinem Tode im präparierten 
Zustande zu unterscheiden. Der Kenner tut es am Preise! 
Erwähnt sei hier ein kleines Geschichtchen, das ein alter 
Afrikaner neulich in einer Berliner Tageszeitung ver 
öffentlichte. Weitab von aller Kultur liegt eine Feld 
wache, die einen unruhigen Negerstamm überwachen 
soll. Ein Unteroffizier und zehn Askaris. Alle Viertel 
jahre einmal macht sich ein Offizier auf den be 
schwerlichen Weg, um die Wache zu revidieren. 
Da zeigt ihm der Unteroffizier unter anderem 
auch ein Kopfkissen, das er mit den Federn eines 
Vogels ausgestopff hatte, der zwar sehr schwer zu 
erlegen gewesen sei; aber dafür seien die Federn 
auch so weich, wie er es noch nie erlebt habe. 
»Und Sie können sich auch rühmen, das kostbarste 
Kopfkissen der Welt zu haben«, antwortete der 
Offizier. Denn die Federn waren herrlichste 
Die Dame im Tederrödtdten. 
Jahr nun gerade auf seinen Rückenschmuck ab 
gesehen haben! Da der Strauß von Natur aus 
galant ist, zieht er sich mit dem Schnabel seine 
Federn sogar schon selbst aus, um sie der schönsten 
Schöpfung der Erde, der Frau, zu Füßen zu legen. 
Wahrscheinlich ahnt er, daß die doch noch manchen 
»Strauß« auszufechten haben wird, bis der ersehnte 
Fächer ihr eigen ist! 
Neben der allgemein üblichen und audi immer 
noch sehr beliebten zusammenlegbaren Fächer 
form aus herrlichen, ungekräuselten Straußfedern, 
die in allen zur Farbe des Kleides passenden 
Ionen hergestellt werden, — grau, beige, lila, 
schwarz, weiß — trägt die Modedame auch sehr 
gern eine einzelne, besonders schöne, auf kein 
Gestell gebrachte Straußfeder oder auch ein 
mittels einer Schnalle zusammcngehaltenes Büschel 
ausnahmsweise herrlicher Exemplare, mit denen sie 
sich Kühlung zufächelt. Dieser »Strauß« vom Strauß 
wirkt sehr originell und fesch. 
Aber nicht nur bei den Fächern zeigt sich die 
Vorliebe für Federn, die sich gerade jet^t be 
sonders geltend macht, auch als Kopfschmuck, als 
Besatj auf Kleidern, auf Hüten und auf Schuhen 
läßt sie sich erkennen. Man möchte glauben, daß 
sich die kleine liebliche Dame im Fcderröckchcn, 
einem kostbaren Vogel vergleichbar, nur für einen 
Augenblick dort auf die Kissen niedergelassen hat, 
um sich, wenn sie sich ausgeruht hat, wieder 
»federleicht« in die Lüfte zu erheben und unseren 
Blicken zu entschwinden. Schade, wenn sie ein 
»Zugvogel« wäre! 
Federn als Kopfschmuck zu benutzen, auf den 
ein Indianerhäuptling neidisch werden könnte, ge 
hört zu den Eigentümlichkeiten der modernen 
Dame. Was sie sich i n den Kopf setjt, set^t sie auf 
ihn. Natürlich ist ein so voluminöser Federschmuck nur zu 
besonderen Gelegenheiten zu benutzen, denn wenn die 
Tänzerin damit »Shimmy« tanzte, würde sie mit den oberen 
Extremitäten wahrscheinlich noch mehr Aufsehen machen 
als mit den unteren! 
Phot:. Binder 
Kimono und Täcfier (Die Tänzerin Grit Hegesa). 
Marabufedern. — Fächer und Federn spielen im Leben einer 
eleganten Frau heute eine große Rolle. »Hier hab’ ich den 
Schlag verspürt mit dem Fächer ins Gesicht . . .« singt manch 
Unglücklicher, der das Fächerspiel der Dame seines Herzens 
falsch verstanden und an ein Gefühl geglaubt hat, das so 
leicht war, so leicht wie eine . . . Feder! Renate.
	        
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