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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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über die nach Ansicht einiger Sachverständigen etwas veraltete 
Kunst unserer Matadoren. Diese Diskussionen sind nicht ganz 
gegenstandslos und müßig. Seit sieben Jahren haben unsere Besten 
nicht mit den großen Meistern des Auslandes die Schläger gekreuzt; 
sic hatten also keine Gelegenheit, sich wciterzucntwickeln und 
die allerneuesten Methoden zu studieren, die es natürlich im 
Tennis ebensogut gibt, wie in jedem anderen Sport. 
Die Tenniskunst von heute ist eine andere als 
die vor zehn Jahren, und wenn Meister wie 
die beiden Dohertys und Norman Brookes 
oder Wilding auch heute noch eine allererste 
Rolle spielen würden, so sind doch die 
Methoden vielfach andere geworden. Der 
moderne Tennismeister bevorzugt im 
Gegensa^ zu früheren Zeiten, in denen 
ein auf klug berechnete Taktik zuge 
schnittenes Grundlinienspiel die Höhe 
der Kunst darstellte, ein sehr aggressives 
Spiel, das, mit einem möglichst scharfen 
Aufschlagball beginnend, sofort in ein 
Fhigballspiel am Netz hinüberleitet und 
auf sofortiges Töten des Balles, auf 
schnellste Entscheidung hinzielt. Ein end 
loses, vielleicht zwanzigmaliges Hin-und- 
her-Schlagen des Balles - »rally« lautet der 
englische Fachausdruck hierfür - kommt heute 
bei Spielen der internationalen Extraklasse kaum 
mehr vor. Es ist sicherlich auch kein Zeichen 
überragenden Könnens, wenn jeder der beiden 
Gegner immer nur versucht, den Ball übers 
Netz zu bekommen, und darauf wartet, daß der 
andere ihn verschlägt. 
Unsere erste Klasse hat nun aber dieser Tage in dem Städte 
spiel Berlin gegen Kopenhagen, in dem Berlin durch die Mann 
schaft des Berliner Schlittschuh-Klubs vertreten wurde, gezeigt, daß 
sie international noch immer mitspricht. Die Mannschaft, in der 
Spieler wie Froitzheim, Kreuzer, Uhl, Windeis, Lüdke, Hoppe, 
P. G. Hoffmann usw. 
mitwirkten, hat die be 
sten Dänen überlegen 
geschlagen. Die dänische 
Presse war einstimmig 
in ihrem Urteil darüber, 
daß Froitjlieim und 
Kreuzer,absolut genom 
men, eine Extraklasse 
darstellen, und jeder 
aufrichtige Freund des 
Tennis wird sicherlich 
den Wunsch hegen, daß 
wir bald wieder zu sol 
chen Beziehungen zum 
Sport des Auslandes ge 
langen, die einen inten 
siven Wettbewerb zu 
lassen und damit eine 
Möglichkeit des Ver 
gleichs bieten. Zu guter 
Le^t soll nicht vergessen 
werden, daß unsere Leut e 
mit einem Ballmaterial 
spielen, das, nach Ansicht 
berufener Fachleute, an 
Qualität erheblich hinter 
dem ausländischen zu 
rücksteht. Wohl sagen 
auch wir: »Hie gut 
Deutsch alle wegel«, aber 
Mot.: A Groß. 
X Huppert, Sieger im Laufen Beim 
PodßiefsBisport/est im Stadion. 
bei allem Nationalgefühl sollte man dennoch alles bemängeln, was 
zu bemängeln ist. 
Die neue Zeit im Sport zeigt sich aber auch noch auf anderen 
Gebieten, ln der Leichtathletik, im Fußballspiel, im Schwimmsport 
machen sieh immer mehr Erscheinungen bemerkbar, die die 
Grenzen zwischen dem reinen Amateurismus und dem 
Berufssportlertum zu verwischen drohen. Das Kapital 
fängt allmählich an, eine zu große Rolle zu 
spielen, ln- und ausländische Fußballmann 
schaften verlangen viele Tausende für ein 
Wettspiel, mit dem eine längere Reise 
verknüpft ist. Bei großen Fußballwett 
spielen gehen manchmal erhebliche 
Einnahmen ein, und aus diesen können 
natürlich beträchtliche Entschädigungen 
für Reise, Aufenthalt usw. gezahlt 
werden. Häufig werden aber auch 
Überforderungen gestellt, und in vie 
len Fällen ist der Amateur-Fußball 
spieler, der vielleicht ein sogenannter 
»Internationaler« ist, nicht viel weniger 
als ein verkappter Berufsspieler, der 
lediglich seiner Kunstfertigkeit Stellung 
und Verdienst verdankt. Das sind na 
türlich Erscheinungen, die fast untrennbar 
sind von Zeitläuften, in denen alles brodelt, 
alles sich wandelt, alte Begriffe neuen 
weichen müssen. Diese Zeichen der Zeit 
erfreuen uns nicht, sind aber charakteristisch 
für ein Entwickhmgsstadium, das kommen 
mußte und überwunden werden muß im 
Interesse des Sports. 
Gerade im Sport ist man empfänglich und aufnahmefähig 
für neue Anschauungen und Begriffe. Im Segelsport hatte man 
anfänglich geglaubt, daß die Kieler Wodie, seitdem höfischer 
Prunk und der Sdiimmer glanzvoller Feste aus ihr verschwunden 
sind, heute nur noch ein Zerrbild der einstigen großen Ver 
anstaltung sein werde. 
Dem ist aber nicht so. 
Wohl hat diesmal eine 
höfisdie Cesellsdiaft 
gefehlt, nidit wie einst 
gab eine stolze Flotte 
dem Kieler Hafen ein 
Relief, das unsere Her 
zen höher schlagen ließ, 
und audi das Ausland, 
das früher in Kiel im 
mer stark vertreten war, 
hat gefehlt, aber sport 
lich stand die Regatta 
woche beinahe auf der 
alten Höhe, und lustig 
wie nur je flatterten 
die bunten Wimpel im 
Winde, wenn der Start 
schuß erklang und flinke 
Jaditen durdi die Wel 
len glitten. 
Der deutsdie Se 
gelsport hat mit am 
meisten unter denNadi- 
wirkungen des Welt 
krieges und unter dem 
Haß unserer Feinde 
gelitten, aber auch hier 
wird neues l,ebeu aus 
den Ruinen blühen. 
Start zu dem Damenwettscßwinnnen „Quer durdi den Müggeßsee .
        
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