Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

9 
u 
r nd neues Leben blüht aus den Ruinen«. Welches Wort paßte 
besser in unsere Zeit als dieses Wort Schillers aus »Wilhelm 
Teil«, fast allüberall ist das Alte gestürzt im Wandel 
■ dieser Zeiten, und nicht zuletzt auch im Sport. Was gestern 
noch unverrückbares Dogma war, ist heute verworfen; 
Methoden und Richtungen, einst maßgebend und an 
erkannt, gelten nun als veraltet, und manch geheilig 
ter sportlicher Brauch ans der »guten alten« Vor 
kriegszeit hat an Wertschäfcung eingebüßt und 
wird heute mit einem Achselzucken abgetan. 
»Das war einmal!« heißt es dann. Gewiß, 
im Sport gibt es keinen Stillstand, und 
mehr vielleicht als irgendwo anders gilt 
hier der Satz, daß Stillstand Rückschritt 
bedeutet. Diese fortschreitende Ent 
wickelung erweckt aber bei dem wirk 
lichen Anhänger des Sports nicht immer 
Empfindungen der Anerkennung und 
Freude. Im Rennsport zum Beispiel, wo 
seit Jahren vergebliche Versuche gemacht 
worden sind, das Buchmachergewerbe auf 
dem Wege der Gesetzgebung zu sanktio 
nieren und so die nun einmal vorhandene, 
menschlich auch durchaus begreifliche Wetl- 
passion der großen Massen in eine Bahn zu 
lenken, die neben dem Totalisator eine ord 
nungsmäßige Besteuerung zuläßt, zugleich aber 
auch dem Wetter günstige Gewiunaussichten 
erschließt, hat sich in letzter Zeit ein gefährlicher 
Auswuchs gebildet. An verschiedenen Orten, 
vor allem aber in Berlin, sind sogenannte Wett 
konzerne entstanden, die aus den Reihen des 
Publikums Kapitalien aufnehmen, um damit auf der Rennbahn zu 
operieren. Diese Konzerne versprechen ihren Aktionären in weni 
gen Monaten eine hundertprozentige Verzinsung ihres Kapitals und 
arbeiten mit so hochtönenden Phrasen, daß so mancher, der in der 
heutigen, so schweren Zeit seine Lebensumstände ein wenig ver 
bessern möchte - und wer möchte dies nicht! —, begierig nach 
diesem Anerbieten greift. Nun ist aber Frau Fortuna, zumal auf 
dem grünen Rasen der Rennbahn, eine launische Dame, und wer 
wie der Schreiber dieser Zeilen aus zwanzigjähriger Praxis weiß, 
dd ß es eine Unmöglichkeit ist, durch Rennwetten absolut sichere 
Gewinne zu erzielen, der wird zu dem Urteil kommen, daß d.ese 
Wettkonzerne, ob gutgläubig oder wissentlich, das bleibe dahin 
gestellt, Vetsprechungen leisten, deren Erfüllung ebenso unmöglich 
ist, wie ein dauernder glücklicher Kampf gegen die Bank von 
Monte Carlo. Man mag in Monte Carlo einen Tag, eine Woche 
oder einen Monat lang mit Erfolg spielen, einmal muß 
die Stunde kommen, wo das Glück sich wendet, wo 
alle Geschicklichkeit, alles Glück, alle Berechnung 
des Pointeurs an der kalten, eisernen Ziffer, an 
der Wahrscheinlichkeitsrechnung, an der ge 
ringen Mehrchance der Bank zerschellt, die 
bekanntlich nur ein Sechsunddreißigstel be 
trägt. An dieser Mchrchance sdieiterte 
schließlich auch der berühmte Spanier 
Garcia, der vorher der Bank Millionen 
entrissen hatte, aber wieder spielte und 
dann alles verlor. Auf dem grünen Rasen 
aber kämpft der Wetter, und sei er noch 
so gut informiert,unterUmständen gegen 
das Pferd, das schlecht gefressen hat, 
gegen den Jockey, der nicht gut dis 
poniert ist, gegen den Trainer, der dem 
lockey eine falsche Order gegeben hat, 
gegen das Wetter, das die Bahn in ein 
grundloses Geläuf verwandelt hat, gegen 
die Machinationen anderer Reiter, die den 
Favoriten vielleicht im entscheidenden Augen 
blick einklemmen — kurz gegen tausend kleine 
Zufälligkeiten, die alle Berechnungen über den 
Haufen stürzen. Behaupten, durch Wetten auf 
der Rennbahn einen dauernden sicheren Gewinn 
erzielen zu können, heißt nicht mehr und nicht 
weniger als betrügen! Nun haben diese Wett 
konzerne, wie verlautet, Isis jetzt alle ihre Versprechungen gehalten 
und ihre Dividenden bezahlt; die Behörden, die sich der Sache mit 
Interesse angenommen haben, haben angeblich keinen Grund zum 
einsdireiten gefunden. Dieser Grund zum einschreiten aber wird 
und muß kommen, sobald einmal eine Dividendenzahlung nicht 
mehr geleistet werden kann. Sie wird nicht mehr geleistet werden 
können, sobald keine Einzahlungen frischer Kapitalien mehr erfolgen, 
oder dauernde Wettverluste eintreten. Dieser Fall kann aber nur 
eine Frage der Zeit sein; den Leuten werden dann die Hunde beißen. 
Auch im Tennissport macht sich die neue Zeit bemerkbar 
ln Tages- und Fachzeitschriften gab es le^thin lebhafte Diskussionen 
Die B er ft n er „ Sipo “ fei Sportftämpjen. 
Phot.: A. Groß. 
Phot.: A Croß. 
Moment aus dem Zweisitzcrfafren im Stadion. 
loo = m * Damenfaufen im Stadion. 
Phot.: A. Groß.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.