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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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1. 
's hält schwer, über 
ein Ding ernsthaft 
> und historisch zu 
schreiben, das, 
mehr noch als 
das Theater, ra- 
ketenhaft fünf 
Minuten pufft 
und verpufft (man 
erkenne die Gü 
te des Hamens 
»Rakete«, über 
dessen Erfinder, 
Eugen Ro 
bert, noch 
später zu reden 
sein wird). Und 
doch ist heule 
das Kabarett viel 
leicht mehr 
Sprachrohröffent 
licher Meinung 
und Spiegel von 
Kunstarten und 
-Unarten als die 
Schaubühne, die 
nicht nur keine 
moralische Anstalt, sondern nur Tummelplatz moderner Tagestalente 
und unmoderner Routiniers ist. 
Zweifelsohne sind Kabarett und Theater viel mehr Konkurrenz 
und Feind, als etwa das Kino zu einem von ihnen — was wohl 
auch darin zum Ausdruck kommt, daß die meisten Theaterdirektoren 
sich um ein Kabarett bewerben und hier etwas leisten, aber noch 
keiner von ihnen einen anständigen Film geliefert hat oder gar 
Kinloppbesitzer wurde. Theaterniedergang und Kabarettaufschwnng 
standen sich immer diametral entgegen. Es gibt eben keine ab 
solute Ehrfurcht vor einer relativ schlechten Darbietung: eine 
gute Kabaretlnummer von 10 Minuten ist wirklich mehr Produktion 
als ein schlechtes Theaterstück von drei Stunden. Und so, relativ 
gewertet als immer neuer Hemmschuh gegen den Theater»betrieb«, 
Rudoff Netson am Klavier. 
Phot.: "Zander Sh Laßisch. 
Phot.; 
Zander Sh Laßisch. 
verlohnt es, auf 
die Geschichte 
des Kabaretts 
einzugehen. 
Die Heimat 
des künstlerischen 
Kabaretts ist Pa 
ris, genauer der 
Montmartre. Hier 
erötfnetelSSl (in 
Deutschland tri 
umphierte damals 
Wildenbruch) 
Rodolphe Salis 
das »Chat Noir«, 
hier trafen sich 
im »Mirletou« 
einmal in der 
Woche die 
Bohemiens unter 
Führung von 
Aristide 
Bruant und 
trugen in dem 
kleinen, mit 
Karikaturen ge 
schmückten Raum ihre von Bourgeoishaß und Bourgeoisverachtung 
erfüllten Lieder vor; am Flügel die Komponisten. Das war das 
Originelle, das Improvisierte, die scheinbare Augenblicksproduktion. 
Und daran scheiterte denn auch 
der Berliner Abklatsch dieser 
ersten Kabaretts, weil sich hier 
die Autoren für zu gut hielten, 
oder sich auf ihre Einspännerei 
etwas zugute hielten. Der Zulauf 
in Paris jedoch war so groß, daß 
die Vorstellungen bald allabendlich 
stattfanden, und damit war ei 
gentlich für diese im wahren Sinne 
des Wortes Künstlerdarbictungen 
dasGrab gegraben (woran übrigens 
auch heute noch fast alle künstle 
rischen Kabaretts scheitern). Denn 
ist cs schon schwer, dreißigmal 
hintereinander dasselbe Theater 
stück zu spielen, wieviel auto 
matischer wird dies bei einer Solo- 
piecc von 10 Minuten. Das Pro 
gramm war bissigste Satire auf 
eben die Gesellschaft von ele 
ganten Philistern, die als Zuhörer 
sich gruseln lassen wollten. 
Sexuelle Gewagtheiten füllten 
den Hauptteil. Aber dazwischen 
ließ leise Lyrik, französische Senti 
mentalität, allerlei mimische und 
pantomimische Kunst die Ver 
dutzten etwas aufatmen. 
Die Linie des Pariser Kabaretts 
ist leicht fortgeführt. Es verflachte 
bald durch die unerfreuliche Art 
der Chansondichter, um einen 
unanständigen Witj drei schlecht- 
gereimte Strophen zu fabrizieren. 
Yvette Gilbert, Mistin ^ 
g nette schlagen neue Noten 
an, sind stark genug, um gegen 
den Strom zu schwimmen, können 
aber doch nicht das allgemeine 
Niveau heben. 
Rosa VaCetti 
in ihren Montmartre*Liedern. 
Herr von Wofzogen, /hot.; Eßerth. 
der efemaiige Direktor des Kaßaretts „Schaft und Raud>". 
Uns interessiert Berlin. Warum 
eigentlich ? Berlin hat sich 
schmachvoll benommen. 1900 gründete W o 1 z o g e n sein Über 
brettl, das zwar dem Walzertraum-Komponisten die erste Ge 
legenheit gab, im »Lustigen Ehemann« sein Genie zu zeigen, 
das aber längst nicht die Pariser Größe erreichte. In Paris schufen 
Künstler die Idee. Ein Raum fand sich, und das Publikum kam; 
Zur 
Geschickte des Kaßaretts
        
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