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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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D on Juan war gestorben. Nicht mehr jung, etwas 
müde, aber immer noch interessant und schön wie 
ein Gott. Und durch die Reihe der Mädchen und Frauen 
ging die allen beinah unfaßbare Kunde: Don Juan ist 
tot! Aller Liebling, für den sie wahnsinnig entflammten, 
für den sie schwärmten, ihn vergötterten, den sie gehaßt, 
gefürchtet und doch geliebt hatten. Ganz jäh und plötzlich 
war es gekommen, aus eigentlich vollem Leben heraus. 
Er, der Sieger über die Herzen, dessen Herz nun ein 
fach gebrochen der Tod, dessen schöne, schlanke Hand 
nun keinen Mädchenarm mehr umspannen, seine wunder 
baren, leuchtenden Augen in Zauber konnten bannen. 
Gewesen wie einer der vielen. Gestorben! 
Eine hört es, im Festkleid, mit dem schimmernden 
Demantstern im blauschwarzen Haar. Die schöne Frau 
des Gesandten. Und der Fächer fällt aus ihrer Hand. 
Sie wird bleich und schickt die Zofe hinaus. Ist’s 
möglich, Don Juan? Ja, auch er muß einmal unter 
liegen dem unbarmherzigen Richter der Welt. Bitter 
gehaßt hat sie ihn, wie glühend auch einst geliebt. 
Sie, die Schöne, Stolze, Kalte, die ihre Ehre, ihren 
Namen aufs Spiel gesetzt für den Gluthauch seiner 
Leidenschaft. Bis er sich ein anderes Spielzeug gesucht. 
Spielzeug, jawohl! Denn etwas anderes waren ihm die 
Frauen nicht. Oh, ein seltener Feinschmecker war ihr 
einstiger Freund! Als ihre Jugend zu welken begann, 
hat er die Fältchen auf ihrer Stirn gelesen und kame 
radschaftlich, sehr kameradschaftlich ihr Lebewohl ge 
sagt. Nur keine Szenen! Oh, wie sie sie haßte, diese 
fremde, kühle Höflichkeit, diese Mauer von Eis, die 
dann von keiner wilden Flamme mehr Kunde gab. Zu 
lange hat sie gewartet mit ihrer Rache. Nun wohl, 
das Spiel ist aus. Immerhin, wert war es, Don Juan! 
Eine hört es, als sie mit ihrem Verlobten spazieren 
geht. Unwillkürlich löst sich ein Seufzer aus ihrer 
Brust. Sie hat sich gefürchtet vor seiner Liebesgewalt. 
Nun kann er ihr nicht mehr gefährlich werden, nun hat 
sie Ruh. Aber interessant wär’s gewesen, interessant. 
Und sie lächelt beruhigt zu ihrem Verlobten auf. Im 
Mai wird Hochzeit sein. 
Und eine hört es, aus guter Familie ein Mädchen. 
„Oh, wie ich bereue!“ schluchzt sie auf. „Was wird 
nun aus mir und meiner Ehre? Warum 
hat er mich so schwach gemacht! Oh, ich 
Törin! Wär’ es nicht so süß gewesen, so 
süß!“ 
Auch einer erzählt man’s, die ihn 
zurückgewiesen. Zu stolz, zu klug war 
sie. Eigentlich schade! Vielleicht hätte 
er mich doch geheiratet. Wenn ich’s klug 
angefangen — doch wer kann wissen! 
„Es war doch die wonnigste Zeit in 
meinem Leben,“ denkt wehmütig eine 
flotte Soubrette, „ich hab’s nicht ver 
gessen. Und ich kann stolz sein, daß ich einmal jenes 
wunderbaren Mannes Liebste war!“ 
„Er hatte kein Herz, keine Seele,“ sagte verächtlich 
ein älteres Mädchen, von der er nichts wissen gewollt, 
„darum hat er den Wert des Weibes nicht erkannt. 
Ein Schmetterling ist er durchs Leben geflattert, ohne 
Inhalt, von einer zur andern. Alle, alle hat er ver 
lassen. Wie gut, daß mich dies Los nicht traf, weil 
ich verständig war — aber so ein bißchen — kosten 
mögen hätte ich vielleicht doch —!“ 
„Oh, ich bin totunglücklich“, jammert ein Backfisch 
von 16 Jahren. „Einmal erst hat er mich geküßt, und ich 
liebte ihn wie toll! Nun ist alles aus! Ohne ihn kann 
ich nicht leben.“ — Und sie geht in den tiefen See. 
Und eine vernimmt es in ihrem armen, engen Kämmer 
lein. Nur ein Zucken fliegt über ihr blasses Gesicht. 
Still bricht sie eine weiße Rose, die bei ihr im Arbeits 
stübchen blüht. „Die leg’ ich auf sein Grab! Wohl 
viel Kränze werden ihm die Frauen winden, blaue und 
rosenrote. Alle, die er, die ihn geliebt.“ Und sie 
stützt den Kopf in die Hand und träumt. „Er hat so 
viele unselig-selig gemacht. Doch wohl keine wird es 
ernstlich bereuen. Denn ihrem Leben hat er Glanz und 
Sonne gegeben und Schönheit. Wenn auch nur kurze 
Zeit. Ich empfinde es so. Und bin dankbar, nur dank 
bar. Durch ihn wurde ich selbstlos und stark. Durch 
ihn habe ich Glück erlebt, für ihn fand ich die Kraft, 
zu entsagen. Daß ich ihm alles schenkte, hat mich reich 
gemacht. Ich habe ihn geliebt, immer noch, obwohl er 
lange von mir gegangen. Denn ich habe in seine Seele 
gesehen. Frei und stolz war er in Jugend und Schön 
heit. Aber das Leben hat zerbrochen, was an Glauben, 
an Idealen in ihm war. Da hat er gelacht, seine Seele 
versprüht und sein Bestes zersplittert. So hat er in 
niemand mehr eine Seele suchen wollen, weil vielleicht 
eine ihn betrog. Wieviel Glück er bereitet, wieviel 
Wunden er geschlagen, wieviel Haß und Liebe er ver 
dient haben mag, sein eigenes Schicksal tut mir am 
bittersten weh. Er hat genippt an allen Bechern der 
Lust und um einen Inhalt mehr im Leben, eine Liebe 
heilig mehr empfunden. Darum ist sein Herz so leer 
geworden und so müde. Darum hat er alles so bald 
verworfen, was er errang und was sich ihm 
bot. Wertlose Dinge, weil er keinen Wert 
mehr in ihnen gesucht! Ich habe dich ge 
liebt, Don Juan, mit tausend glückseligen, 
bitteren Schmerzen. Denn ich habe ein 
einziges Mal in deine Seele gesehen. Ich 
habe gewußt, daß dein Glück nur ein 
Scheinglück war. Den immer noch Großen, 
Stolzen, Einsamen hab’ ich geliebt.“ 
Und sie küßt die Rose und trägt sie still 
auf ein frisches Grab, wo tief in kalter 
Erde der arme Liebling der Frauen ruht.
        
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