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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Herr ” ficd er 
Mor g e ndr eß 
D as Leben ist eine Taktfrage“. 
Nur zu oft sind wir geneigt, 
diese Wildesche Spruchweisheit 
zu vergessen. Besonders lassen 
sich die meisten in ihrer nächsten 
Umgebung gehen. Was sic einem 
Fremden gegenüber als starke 
Unhöflichkeit ansehen würden, das 
muten sie ihren nächsten Ver 
wandten und Freunden zu — den 
Anblick einer vernachlässigten 
Morgcnkleidung. Es ist noch nicht 
allzu lange her, seit der Schlaf 
rock und die Nachtmüfce das 
Zeitliche gesegnet haben. Der 
Schlafrock entschuldigte vieles, um 
nicht zu sagen alles. Ungekämmt 
und unrasiert sc^te sich in ihm 
der deutsche Philister an den Frühstückstisch und 
pflegte seine Pascha-Allüren. Der Schlafrock mag 
ln Verbindung mit der langen Pfeife auch gemütliche 
Stunden am heimischen Herd hervorgezaubert haben. 
Im großen und ganzen jedoch trägt er den Stempel 
von Unkultur, und mit ihm ist eine Epoche des 
Naturburschentums begraben worden, in der jede 
Pflege des äußeren Menschen als gigerlhaft und 
unmännlich galt. Ebenso ist das Nachthemd aus 
dem Wäscheschrank 
des Mannes von Welt 
verschwunden. Nichts 
wirkt lächerlicher, als 
der Herr der Schöp 
fung in flatterndem 
Nachtburnus. 
Als Ersatz für die 
beiden erstgenannten 
Pctrcfakten kam vor 
ungefähr einem Jahr 
zehnt Pyjama und 
Morgenanzug von 
Amerika und Eng 
land. Der Pyjama er 
füllt von allen Des 
habilles das Brummel- 
schc Drekct des An- 
gezogenscins in jeder 
Situation in vollstem 
Maße. Er vereint 
ästhetische wie auch 
praktische Vorzüge. 
Nach dem Morgenbad kann sich 
der Herr der Schöpfung in ihm 
auch in Gegenwart einer schönen 
Gefährtin an den Frühstückstisch 
sc£en, kann den Briefträger ab 
fertigen und den Friseur empfangen, 
ln unserer Zeit der „modernen 
Karawanserei“, in der wir ge 
zwungen sind einen Teil des Jahres 
in Hotels und Pensionen zu 
zubringen, ist der weiche, schmieg 
same Schlafanzug aus Seide oder 
Zephir ein überaus notwendiges 
Kleidungsstück. Auf den Hotel 
fluren ist frühmorgens oder auch 
spätabends das Nachthemd eine 
unmögliche Angelegenheit, der 
Pyjama korrekter Dreß. Da bieten 
sich dem Auge des unbefangenen Beobachters oft 
amüsante Bilder, Manch weißer oder bunter Pyjama 
schleicht Uber den roten Teppich, nicht etwa Hotel- 
dicbe (auch so etwas soli Vorkommen) — kleine 
galante Abenteuer haben jetzt ihre Stunde. Der 
Graf aus dem zweiten Stock und die Wienerin aus 
dem ersten geben sich jetzt ein Rendezvous. Die 
kleine Engländerin aus dem Hochparterre, die, ach, 
so gar keine Abenteuer erlebt, geht vergebens um; 
vielleicht, daß ihr der 
Zufall ein Abenteuer in 
Gestalt eines schwarzen 
Pyjamas zuführt. Aber 
sic begegnet nur dem 
Provinzonkel aus dem 
dritten Stock, der in 
überlangem Nachthemd 
und Zipfelmütze alles 
andere als Abenteuer 
sucht. 
Am nächsten Morgen 
slfet man sich wieder 
korrekt und kühl am 
Frühstückstisch gegen 
über und wechselt kon 
ventionelle Worte. Ver 
gessen sind die Situa 
tionen, die der in 
time und dennoch so 
korrekte und diskrete 
Pyjama erlaubte. 
Hußert Mißetta. 
Zetcßnungen von Ericß Godaf.
        
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