Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

18 
/ > / / /</,£/ /V £ A/ Af 4 />C H£\ 
ö / r i~f ch £ J r u o > e ^ 
Von T r i e dr i c h Otto, / Zeichnungen von Erich G o da f. 
( /Ljjedeutendc Forscher des Berliner Lebens haben 
festgestellt, daß der Flirt und das Flanieren 
^auf den Straßen der Reidishauptstadt auf 
jenen berühmten Erlaß des einstigen Berliner Polizei 
präsidenten Herrn von Jagow zurückzuführen sei, der 
da lautete: „Die Straße dient lediglich dem Verkehr.“ 
So etwas lassen sich die Berlinerinnen natürlich nicht 
zweimal sagen. Leicht ist es tro^dem nicht. Die 
Schritte der jungen Damen auf den Berliner Straßen 
werden mit 
Argus 
augen ver 
folgt. 
Manchmal 
rauscht es 
böse auf 
im Blätter 
wald, wenn 
eins der 
tausend 
Augen et 
was ent 
deckt hat, 
und nicht 
selten rast 
der Sec, 
wenn die 
kleinen 
Mädchen 
einenSkan-. 
dal hervor 
gerufen 
haben. Die 
Pharisäer 
im ganzen Reiche verdrehen dann ihre Augen: So 
etwas kann bei uns nicht verkommen. Gemach, 
gemach! Die lieben Worte „Ländlich, sittlich“ kann 
man nur noch ironisch nehmen. Das Auftreten der 
kleinen Mädchen von Berlin in ganzen Scharen hängt 
eben mit der Geographie einer Großstadt zusammen. 
Einst waren „Die Linden“ die große Verkehrsader, 
die Arterie, und die Friedrichstraße die entsprechende 
Vene. Heute hat sich die Pulsader wohl ein neues 
Bett gesucht. Etwa vom Wittenbergplatz bis zur 
Uhlandstraßc, Ecke Kurfürstendamm. Was aber 
darüber hinaus ist, ist auch nicht vom Übel. Der 
Äsiate liebt die Eindeutigkeit, die seelische Klarheit 
und gliedert jeder Stadt ein Liebesviertel an, eine 
Yoschiwara-Abteilung. Der Nordländer in Europa 
liebt das Ungewisse, denn er glaubt an viele Ab 
stufungen zwischen den beiden Haupiextrcmcn, 
Schrieb doch selbstGocthe zürnend an Frau von Stein: 
Es scheint, daß Dir eine Nuance zwischen einer Dirne 
und einer Göttin fehlt. Diese eine und noch manche 
andere Nuance glaubt der Berliner zu kennen und 
ihnen widmet er ein eifriges Studium. Doch warum 
aus der Schule plaudern 1 Wer die Qual hat, hat die 
Wahl. Dort eine entzückend elegante Figur, nach 
dem Tennis noch ein bißdien flanierend, das Rakett 
als Tugendwaffe in der Hand. Haben Sie schon be 
achtet, daß diese jungen Mädchen auch einen der 
Mode unterworfenen Stil im Gang an sich haben? 
Das einstige Glbson- 
girl ging flott, Kopf 
hoch und stolz im 
Nacken. Es kamen 
Lendecke-Mädchen, 
es gab Hcilcmann- 
Damen. Man trug 
sich vornüberge 
beugt. Und vielleicht 
kommt im Schatten 
des Expressionismus 
auch die mittelalter 
liche gotische Haltung 
wieder herauf: der 
bogenförmig vorge- 
strcckte Leib, was die 
Jungen Mädchen jener 
Zeit erst nach langer 
Übung lernten und 
was damals aiskeusch 
und züchtig empfun 
den wurde. Manch-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.