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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

Von T r e dy Mark. 
eine Sirene schluchzte. Ja, freilich, auch brüllen 
konnte sie . . . und sie brüllte, daß alles Reißaus 
nahm im Umkreis von anderthalb Kilometern. Sie 
hatte im kaspischen Steppengebiet zu Friedenszeiten, als 
sie noch jung war und blitzeblank, ganze Kamelkara 
wanen in panikartige Flucht gejagt .. . hatte in den 
Pyrenäen - ein paar Tage vor dem Weltkrieg - einen 
Maulesel zum Weltrekord über 10 km für Maulesel 
angestachelt... hatte mir in Grottkau in Schlesien einen 
Prozeß eingetragen wegen „unbefugter Abgabe eines 
Feuerwehrsignals", war auf gewissen Strecken in meiner 
engeren Heimat bekannt, so daß alle Leute wußten: 
Das ist der grasgrüne SOpferdige. 
Aber sie konnte schluchzen . . . herzzerbrechend. 
Wenn der Wagen stand, nämlich, und der Motor lief. 
Dann jammerte sie und war verzagt, daß es nicht weiter 
ging nach ihrer Herzenslust im . . . zig Kilometertempo. 
Und weil meine Sirene schluchzte, bin ich just als 
Mädchenhändler verdächtigt worden und beinahe ein 
gesperrt ... und ein Duell obendrein und was derlei schöne 
Dinge noch mehr sind. Denn — die Sache ging so zu: 
... in Lausanne lernte ich sie kennen. Nicht meine 
Sirene - i bewahre! sondern ein Frauchen, tja, ent 
zückend, unbeschreiblich nett. So etwa ein Zwitterding 
zwischen der Venus von Milo und Margot, dem „Clou" 
des Berliner Palais de Danse. Verheiratet war sie, 
richtig verheiratet, an ei 
nen deutschen Staatsanwalt. 
Gegen Staatsanwälte hab’ 
ich nun immer so eine ge 
wisse Animosität, weiß der 
liebe Himmel, warum, oder 
vielleicht weiß es auch der 
liebe Leser. 
Wir tanzten Rag - Time. 
Sie hatte entzückende Fesseln. 
Wir tanzten Foxtrott... eine 
Taille hatte sie, Formen, 
formvollendet, und war dabei 
so mollig-köstlich! Wir tanz 
ten Fandango. Und Augen hatte sie .. . bezaubernd. 
Also, ich will Einzelheiten übergehen und es kurz 
machen: Der Heir Staatsanwalt mußte verreisen in 
rebus politicis, für ein paar Tage in seine nieder 
rheinische Heimat, und Lu, sein Frauchen, blieb allein 
in Lausanne zurück. Sie war nicht spröde, gewiß nicht, 
hielt aber - leider - zu sehr Distance. Bis wir nach 
dem Chablis zum Roederer übergingen ... da taute 
sie auf. Und wie sie auftaute . . . 
Die dritte bauchige Flasche reifte den Entschluß: 
morgen ein kleiner Abstecher nach München. Mit 
meinem 80 PS ja eine Kleinigkeit. Und in München ... 
dort kannte sie niemand . . . dort war es möglich, tout 
sans gene, was hier inmitten einer vielhundertköpfigen 
Schar von Aufpassern und Bekannten nicht möglich 
war . . . 
Wir waren einig. Stießen mit dem ersten köstlichen 
Naß der vierten Flasche an. Sahen uns lief in die 
Augen, sehr tief. Und die Sprühteufelchen der Cham 
pagne segneten unseren Bund . . . denn frei sei der 
Mensch ... 
. . . und morgen. Mein Herz schlug höher bei dem 
Gedanken und ich verschlang sie schon jetzt mit den 
Augen. Denn morgen ... 
Famos stand ihr die bastseidene Rennkappe. Sie 
nahm neben mir - ich steuerte selbst - Platz. Die 
80 Pferde begannen zu wiehern und meine alte getreue 
Sirene ihr sentimentales War 
nungsgestöhn. Sie war ver 
schwiegen, meine Sirene ... 
verschwiegener als Albert, 
mein Chauffeur. Drum ließ 
ich den daheim, pflegt 
man doch Hochzeitsreisen 
mit jungen Frauen, beson 
ders, wenn’s nicht die eigenen 
sind, aus Opportunitätsgrün 
den nur zu zweit zu unter 
nehmen. 
Eine prächtige Fahrt. Mor- 
gendämmerung.Taubedeckte 
75
        
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