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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Aßendßfeid aus Gofdtidf mit Juivefen und Perfen verziert. 
Tiirßisßfaues Samtßßeid. 
Hoch nie hat eine Mode den häu 
figsten fehler des weiblichen Geschlechts, 
die krummen Beinachsen, so kühn zur 
Schau gestellt, wie es die kurzen Röcke 
taten. Außerdem wird das Problem von 
„Kurz zu Lang“ ja auch nur allmählich 
gelöst werden. Das Kasino ist nur 
der vorbereitende Boden, von dem 
aus „kurz über lang“ entschieden wer 
den wird. 
Vielen wird die Rückkehr der langen 
Kleider und der Schleppe angenehm 
sein, denn Majestät und Würde 
der Frau kommen darin mehr zur 
Geltung. 
Schärpen aus schwarzem Tüll und seltenen Spifjen legen sich schmeichelnd um die 
nackten Arme und sind oft so lang, daß sie am Boden nachschleifen. Die hellen, 
farbigen Sommerkleider, die man früher so gern fürs Kasino anzog, sind nach kurzer 
Krankheit als unschuldige Opfer der praucnlaunen gestorben. Die Frauen haben in 
einer etwas spat kommenden Reue, an deren Aufrichtigkeit man allerdings Zweifel 
hegen kann, erklärt, daß sie je^t Trauer um sie tragen würden. Deshalb wird man 
sie sehr viel in Schwarz gekleidet sehen — Taft, Crepe de Chine, Satinpanne — 
besonders an den Stätten, die dem Vergnügen geweiht sind, um dadurch ihre Ge 
wissensbisse und 
Verzweiflung öf 
fentlich zur Schau 
zu tragen. Wenn 
sie dann sechs 
Wochen lang 
getrauert haben, 
werden die 
schwarzen Kleider 
durch rostbraune 
erseht werden. 
Der Fächer, der 
den Kasinotoi 
letten und ihren 
Trägerinnen zur 
reizvollen Folie 
dient, ist aus lan 
gen, ungekräusel 
ten Straußfedern, 
die im Farben 
ton mit dem des 
Kleides, das sic 
begleiten, über 
einstimmen. 
Wenn manden 
ganzen Abend 
„Shimmy“ ge 
tanzt hat, wird 
einem heiß, und 
das Spiel mit und 
hinter dem 
Fächer, das die 
Damenwelt im 
Badeort und in 
den Ferien be 
sonders gern be 
treibt, gehört zum 
beliebtesten Som 
mersport. 
Mit den langen 
Kleidern wird 
wieder ein gesell 
schaftlicher Stil 
bei uns einziehen, 
der durch die 
kurzen abhanden gekommen war. Wir 
gewöhnen uns an eine neue Mode 
immer nur schwer, weil die Augen von 
der alten zu sehr durchtränkt sind. 
Des Abends im Kasino blüht 
der Sport der Liebe, der den 
Beschluß des am Tage betrie 
benen andern Sports macht, ln 
diesem Falle wird der Genießer 
sagen: „Wie schade, daß die 
kurzen Kleider verschwinden sol 
len, die uns so viel Schönheit an 
schlanken Beinen enthüllten." Dar 
auf wäre zu erwidern, daß gerade 
in der Verhüllung der wahre Reiz liegt 
und unserer Phantasie den weitesten 
Spielraum gewährt. Schließlich liegt 
ja die Schönheit der Frau nicht allein 
in ihren Beinen. Und es ist immerhin 
kein so großes Unglück, wenn die X- 
und O-Beine, von denen ein gelehrter 
Professor in einer deutschen Groß 
stadt 80% auf 200 Frauen festgestellt 
hat, wieder unter längeren feschen Ge 
wändern verschwinden.
        
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