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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Photos: 71. Nntgc = Vita. 
SOMMER- 
THEA TER 
„ Wie wir einst so 
glücklich waren.“ — 
Nämlich, als im Les 
sing - Theater noch 
kein Stuhl auf der 
Bühne stand, Otto 
Brahm hätte ihn denn 
persönlich begutach 
tet. Wo man noch 
sorgfältig, minutiös 
arbeitete, wo der Di 
rektor sich selbst hinstellte und nicht ruhte, bis der 
Dialekt auch richtig herauskam. Wo die großen Künst 
ler in der fünfzigsten Aufführung noch spielten wie in 
der Premiere. 
Heute Ich sah die vielleicht zehnte Aufführung 
der „Weber“ im Großen Schauspielhaus. Schauspieler: 
die siebente Sommergarnitur. Der Dialog als not 
wendiges Beiwerk um die Massenszenen herum auf 
gefaßt und entsprechend behandelt. Dielerle als Moritz 
Jäger war, seiner Aussprache nach, offenbar der Meinung, 
das Drama spiele in Oberbayern, und seinem Stimm 
aufwand nach zu urteilen, die Zuschauer befänden sich 
ebendort. Das Ruhmesgeheul, das um diesen Schlage* 
tot seit einigen Jahren 
tobt, dürfte nach die 
ser Leistung wirklich 
aufhören. Immerhin 
ist er doch letzten 
Endes ein Schau 
spieler von gewisser 
Eigenart, was um ihn 
herum sich trieb, war 
Kottbus. Vielleicht 
mit Ausnahme von 
Lore Duvall — aber es gehört schon viel Talentlosig- 
keit dazu, aus dieser Rolle — die junge Frau Hilse — 
nicht mindestens das herauszuholen, was sie rausholte. 
Und in all diesem Wüste von Mittelmäßigkeit ■— 
Werner Krauß. Seine Künstlerschaft wirkt hier fast 
peinlich. Gerade wenn einer kein Gastspielvirtuos im 
Stile Barnays, sondern eben ein Künstler allerhöchsten 
Ranges ist, braucht er Folie, braucht er Mitspieler, die 
irgendwie der Hauch des Genius gestreift hat. So 
war’s, als hätte ein humorbegabter Gott irgendeinen 
Kordillerengipfel in die Märkische Schweiz gesetzt. 
Aber, meine Lieben, auch so: welch unerhörter Künstler! 
Wie er erschossen im Webstuhl hängenblieb: niemand 
Dir. Tefix Hoffämfer, Gerfmrt Hauptmann, Repisseur Kart Heinz Martin.
        
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