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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Expressionistisches Hausgewand. 
Goidgefße ABendtoifette mir Gofd Besticht und einem 
RüdienßeBang aus dicftem Seidenhrepp. 
wirklich neu aber und zugleich ein Stückchen deutsche Mode sind 
die künstlerischen Kleider. 
Wie trotj allem und allem in der Kunst eine neue Richtung ihren 
Einzug hielt, so geschah es auch in der Mode, niemand kann sich 
länger darüber täuschen. 
Die Vorboten tauchten auf in Gestalt der Reformkleider und 
der Eigenkleider. Bald im Nebenamt von Künstlern konstruiert, 
bald von Kunstgewerblerinnen, bald von Schriftstellerinnen, Haus 
frauen und Müttern (die der Hafer stach, sich „künstlerisch“ hervor 
zutun), waren sie die ersten naiven, dilettantischen Ausdrucksformen 
eines neuen Gedankens. Obwohl die Arbeiten technisch und ge 
schmacklich wertlos waren, schulden wir den Pionieren doch viel 
Dank, denn sie fanden, getrieben vom Funken echter Begeisterung, 
den erforderlichen Mut und die Ausdauer, um den neuen Gedanken 
— irgendwie — der Welt mitzuteilen. 
Seitdem machte er diverse Metamorphosen durch, und je^t sind 
wir so weit, Freude an ihm zu erleben. Fachleute nahmen sich 
der Sache an, sie bringen originelle und zugleich technisch hoch 
stehende Dinge mit künstlerischem Einschlag. Freilich, ganz, ganz 
anders sind sie beschaffen, als ursprünglich gedacht; das sind keine 
einfachen, praktischen Moden für das Urbild der deutschen Frau, 
das Ideal von Hausfrau und Mutter, — das sind Moden für sehr 
elegante Frauen, für Künst 
lerinnen, Luxusweibchen 
und ähnliches. 
Nur unter diesem Ge 
sichtswinkel betrachtet sind 
sie geschmackvoll. Wehe, 
dreimal wehe, wenn 
man aus diesem 
Spezialartikel einen 
Massenartikel machen wollte! Wäre es 
nicht, daß er unter Umständen in den Rahmen 
eines Sportplatjes und eines Badestrandes 
paßt, dann könnte man sagen, wir stehen 
vor den Anfängen feinster Boudoirtechnik in 
der Kunst, sich an- und auszuziehn. 
Es gibt in Berlin Geschäftshäuser, in denen 
man uns sehr verlockende Dinge 
dieser Art zeigt, Dinge, die natürlich 
an einem anderen Maßstabe gemessen 
sein wollen wie Althergebrachtes. Da 
gibt es schrullige Negliges aus weiche 
Seide, die etwas 
seltsam Ver 
blichenes, Ver 
schlissenes, Kaf 
tanartiges an sich 
haben. Wonnige, 
kaum fühlbare 
Umhüllen in die 
sen schwülen 
Tagen, ideales 
Reisegepäck, das 
wenig Plafj be 
ansprucht, wenig 
Gewicht hat und 
unterwegs wenig, 
besser gesagt, 
keine Pflege ver 
langt, denn diese 
„Fummelchen“ 
haben ja schon, 
wenn sie neu 
sind — wie ge 
sagt — eine alte 
Patina. 
Sie sind bernalt mit blassen, dekadenten Farben, bald ombriert, 
bald seltsam verschwommen, bald aber bedecken sie ganze Land 
schaften, — hier auf unserer rechten Brustscite dehnt sich ein Tempel- 
chen, dort auf unserer linken ruht ein innig umschlungenes Paar. 
Ein andermal sieht man auf schwarzem Grund bunte, grazile 
Blumen erblühn, auch kaleidoskopartigen Wirrwarr und futuristische 
Blib- und Zickzackmuster, wofür ich midi nicht begeistern kann. 
Die Formen sind sinnvoll, einfach. Ein Griff genügt, um in das 
Kleidungsstück hineinzuschlüpfen, zwei weitere, um ein paar Bändchen 
zu knüpfen, die den Verschluß bewirken. Fürwahr, es sind die idealen 
neuen Negliges, Morgenröcke, oder wie man sie nun nennen will, 
einer neuen Zeit, in der auch Frauen, die nicht über persönliche 
Bedienung verfügen, elegant sein möchten und können. 
Ein weites Feld der Betätigung bietet den künstlerischen Kleidern 
der Teagown, das elegante Hauskleid oder wie man es sonst nennen 
will. Denn wenn es irgendeine Gelegenheit gibt, um der Phantasie 
im Anzug die Zügel schießen zu lassen, so bietet sie der Hausanzug, 
ln den Stunden, da eine elegante Frau intimen Besuch empfängt, 
darf sie sich so künstlerisch, so phantastisch anziehen, als es ihr beliebt, 
es ist ihr gestattet, die ganze Macht dieser Waffe des Weibes zu 
Hilfe zu nehmen, um die Männer zu erfreuen und die Frauen zu ärgern. 
Sehr große Vorsicht und erfahrener Geschmack ist nötig, um erstens 
darüber zu entscheiden, ob und wann ein künstlerisches Abendkleid 
überhaupt getragen werden kann, um zweitens zu empfinden, wie 
weit man gehen kann, um die schmale Grenze, die Apartheit und 
Geschmacklosigkeit voneinander trennt, nicht zu überschreiten. 
Viele unter den für den Abend bestimmten Toiletten dieses 
Genres entfernen sich zu weit von der lagesmode,kehren ihre künstle 
rischen Ambitionen zu deutlich hervor und vernachlässigen qualitative 
Details, die man am elegan 
ten Kleid nicht missen kann. 
Andere dagegen 
kann jede, auch nur 
einwenig aparteprau 
tragen, und sie wer 
den ihr helfen, ihre 
Eigenart herauszu 
meißeln.
        
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