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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

Ihr Name ist von dem Lehars 
nicht zu trennen, nament 
lich nicht von seinem größten 
Triumph, der »Lustigen Wit 
we«. Ihre Verkörperung 
dieser Gestalt gehört der 
Theatergeschichte an. Viele 
Jahre die Trägerin aller 
großen Rollen am Theater 
a. d. Wien, ist sie später 
von dieser historischen Stätte 
der Wiener Operettenkunst 
geschieden, um im Johann- 
Strauß-Theater namentlich 
die Operetten des Ungarn 
Kalman zum Siege zu führen. 
Eine unvergleichliche 
Leistung war ihre »Czardas- 
fürstin«. In allen Rollen 
aber eine ganz seltene künst 
lerische Diskretion, die auch 
an sich wenig Geschmack 
volles auf ein höheres Niveau 
zu heben weiß. 
Mit demTheater a.d. Wien 
verknüpft ist von ihrem 
ersten Auftreten an L o u i s e 
K a r t o u s ch, sicherlich eins 
der liebenswürdigsten Ta 
lente, die die Operetten 
bühne hervorgebracht hat. 
Sie kam, kaum achtzehn 
jährig, aus Graz, gesvann im 
Sturm die Herzen der Wiener 
und erfreut sich noch heute 
ihrer restlosen Gunst. Ein 
Rokokofigürchen mit ganz 
großen, verwunderten, dunkelbraunen Spitzbubenaugen, 
von drolligster Naivität und unvergleichlich nuancenreichem 
Coupletvortrag, zugleich in derben Rollen von einer über 
wältigenden komischen Kraft und atemberaubender Lustig 
keit. Auch ihr ist nachzusagen, daß sie, wie die Günther, 
alle reißeri 
schen Wirkun 
gen verschmäht 
und niemals die 
Linie eines fei 
nen und kulti 
vierten Ge 
schmacks ver 
lassenhat. Auch 
Ihr Wirken 
knüpft sich vor 
allem an den 
Namen Lehar, 
dessen Domäne 
ja das Theater 
a. d. Wien ist. 
Aber auch Fall 
und Oskar 
Strauß haben 
ihr viel zu dan 
ken. 
Mizzi Günt 
hers Nachfol 
gerin im Thea 
ter a. d. Wien 
ist Betty 
F i s ch e r, die 
bis dahin im 
Raimundthea 
ter aus kleinen 
Anfängen em 
porgewachsen 
war und sich 
bereits die 
Gunst desWie 
Kiara Karry (KannundtheaterJ. 
nerPublikums errungen hatte. 
Ein echtes Wiener Kind »vom 
Grund« — noch heute macht 
ihr das Hochdeutsch kleine 
Schwierigkeiten — begann 
sie als Soubrette, um dann, 
als ihre Prachtstimme sich 
zu allem Glanz entwickelte, 
in das Fach der »Sängerin« 
überzugehen. Eine bildhafte 
Erscheinung von wahrhaft 
klassischem Profil, besticht 
sie vor allem durch ihren 
von dramatischer Schlagkraft 
belebten, hellen, hohen 
Sopran und durch die ade 
lige Kunst ihresTanzes. Ihre 
Soubrettenvergangenheit er 
hielt ihr zugleich die freie 
Leichtigkeit munterer Laune. 
Sie ist heute der anerkannte 
Stern des Theaters a. d. 
Wien, wo sie u. a. in den 
letzten Jahren als »Rose 
von Stambul« einen ihrer 
größten Triumphe errang. 
In den letzten Jahren 
wußte sich auch Rosy Wer- 
ginz, eine österreichische 
Schlesierin, die vordem in 
Berlin gewirkt hatte und 
hier unvergessen geblieben 
ist, die Gunst der Wiener 
zu erringen. Was sic den 
Wienern besonders lieb 
macht, ist ihr überschäu- 
mendes Temperament, ihr 
echtes Soubrettenblut. Auf ähnlichen Eigenschaften sind die 
Erfolge der Soubrette Klara Karry begründet, die in den 
letzten Jahren im Raimundtheatcr zur großer Beliebtheit 
gelangt ist. 
Die künstlerischen Temperamente, die sich in dieser 
anmutigen 
weiblichen 
Stütze derWie- 
ner Operette 
verkörpern, 
verbürgen ihr, 
der schon so 
oft Totgesag 
ten, sicherlich 
noch eine lange 
Lebensdauer. 
Denn der le 
bendige Wech 
selstrom , der 
zwischen der 
Bühne und den 
Schöpfern der 
modernen 
Operette flutet, 
führt zu einer 
neuen Befruch 
tung der schaf 
fenden Phanta 
sie. Ein Genre, 
das über so 
lebendige 
Kräfte verfügt, 
überlebt sich 
nicht so leicht. 
M. MÜLLER. 
Mizzi Günther (Theater a. d. Wien_) gastierte hürzhidr in Berlin. 
Photos: Setzer, Wien. 
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