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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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SOMMERLICHE BÄNKE 
N- 
I ch liebe Berlin zu allen Jahreszeiten — aber im Früh 
sommer steigert sich die Liebe bis zum Amoklaufen. 
Dies schöne Geschäft verricht’ ich dann im Tiergarten — 
das schönste, wo wir in Berlin zu jeder Jahreszeit 
haben — und nun gar im Sommer! 
Wenn ich mich dann satt ge 
schwelgt habe in Naturgenuß und 
Lokalpatriotismus, erwacht mein 
journalistisches Pflichtgefühl. Ich 
guck’ mich um und seh’ amüsante 
Sachen, wie man sie überall in 
Berlin bemerken kann, wenn man 
die nötigen guten Augen dazu hat. 
Da sind die Bänke. Merkwürdig, 
was auf so einer Bank für Dramen 
spielen — aber fast immer nur der 
erste und der letzte Akt. Die zwei, 
drei, vier oder x anderen scheinen 
prinzipiell anderswo stattzufinden. 
Vormittags am Goldfischfeich. 
Zwei Gören,der Aufmachung nach 
mindestens Hildebrandtstraße,voll 
führen einen Heidenlärm dicht am 
Ufer. Im Hintergrund auf einer Bank 
„dasFräulein“. Aschblond und jene 
etwas lymphatischen Blauaugen, 
die soviel Sehnsucht nach allerlei hübschen Sachen ver 
raten. Braunweißes Frottekleidchen, brauner Trotteur- 
hut. Sie liest — Courths-Mahler natürlich. Trotzdem 
blickt sie alle drei Minuten auf und ruft: „Arnim“, nicht 
so nah ans Wasser rangehn! Adrienne, mach’ dir die 
Strümpfe nichtschmufzig!“ 
(Wo die Kinder diese Na 
men herhaben, bleibt rätsel 
haft. Nach ihren Großeifern 
heißen sie bestimmt nicht!) 
Das geht so eine ganze 
Weile — bis er erscheint. 
Student in höherem Se 
mester oder sonst ein an 
genehm unbeschäftigter 
Gemütsmensch. Nungehts 
nach Schema ff. Er setzt 
sich ein bißchen zögernd, 
fixiert sie dauernd, sie läßt 
ein Taschentuch fallen — 
und allesWeifcre findet sich 
von selbst. Denn sie ist ja wirklich nicht dazu geboren, 
Kindermädchen zu bleiben. Wenn sie Gemüt und Stil 
hat, wird sie ihm nach zwei Monaten auf derselben Bank 
den Abschied geben — denn der Bruder der gnädigen 
Frau, der das Exportgeschäft hat, braucht eine Reise 
sekretärin. Und wenn s i e auch noch nicht tippen kann, 
sein Tip war jedenfalls richtig! — 
Ein Häuschen weiter! Wedekind im 
Freien, sic vierzehn,er fünfzehn. Sie 
mit Sommersprossen und kurzem 
Kleidchen, er mit Finnen in dem hüb 
schen Gesicht, halblangen Hosen und 
Zwicker. Die Bank ist gut gewählt, 
abends sieht einen hier kein Mensch, 
und auch am hellichtenTage muß man 
schon gut Bescheid wissen, um sie zu 
finden. Offenbar treibt der Jüngling 
plastische Studien — denn sic hat 
die Bcinchcn weit von sich gestreckt, 
SK 
das Röckchcn gerade so hoch gehoben, daß man einen 
Schimmer der gestickten Strumpfbänder erhascht — 
und er betrachtet diesen Teil des entzückenden Ganzen 
mit einem Interesse, das schon fastübers Fachmännische 
hinausgeht. Ich geh’ schnell weiter — wenn’s Glück gut 
ist, wird diese Bank noch einige 
wcitereSzenenausdem ersten Akte 
dieses Dramas erleben. Seit ich 
neulich zwei Kinder wie diese aus 
einem überjedenZweifel erhabenen 
Hotel in der Kantsfraßc heraus 
kommen sah, bin ich mit Wedekind 
böse! — 
Da, in der Seifenallee, auf einer 
Bank eine einsame Dame. Letzte, 
diskreteste Eleganz. So an die 
Vierzig,noch gerade schön, aber der 
Kampf mit der ersten Falte fängt 
an,erfolglos zu werden. Nervös— 
die kleine Platinarmbanduhr mit 
den BrillantenwandertalleMinufcn 
vor die ein wenig kurzsichtigen 
Augen. Endlich — da ist er. Rasta- 
querotyp reinsten Wassers, minde 
stens fünfzehn Jahrjüngeralssie. — 
.Dreiviertelstunden warf ich schon.“ 
„DasnächsteMal wirst du dreiStundcn warten.“ —Leise, 
heiße, drängende, flehende Worte sagt sic — ein höh 
nisches Achselzucken wird ihr zur Antwort. Schließlich 
ein kurz hervorgestoßener Laut. Mit freudiger Eile 
öffnet sie die goldene Handtasche — ein ganzes Paket 
brauner Lappen kommt 
zum Vorschein — hastig 
greift er danach — aber so 
wie er’s in der Hand hat, 
sieht er wieder so bösartig 
blasiert aus wie zuvor. 
Lüftet kurz den Hut, steckt 
die Hände in die Taschen 
und verschwindet. — Sie 
sieht ihm eine Weile nach 
und dann stürzen die Trä 
nen — fünf Minuten lang. 
Ein hastiges Arbeiten mit 
Puderquaste und Augen 
brauenstift — ein tiefer 
Seufzer — und sie geht. 
Irgendwo in dcrNähe wird ein Motor angekurbclt. Geb’s 
Gott, daß diese Bank den definitiv letzten Akt gesehen hat. 
Neulich bin ich auch mal nachts in den Tiergarten ge 
gangen. Aber ich will’s auch nie wiedertun. Erstens, 
weil ich ein wohlerzogener Mensch bin, und zweitens, 
weil sich mein Gemüt auch auf einem nächtlichen Spa 
ziergang nach Abwechslung sehnt. Und die gibt’s hier 
nicht. Eine schöne Gleichheit auf 
allen,allen, allen Bänken! Fragt sich 
nur, wie weit das Drama, das sich hier 
abspielt, fortgeschritten ist: im allge 
meinen läßt sich feststcllen, daß es auf 
den Bänken an der Peripherie beginnt 
und auf denen in des Waldes tiefsten 
Gründen endet. Nach dem, was die 
Tiergartenbäume hier Nacht fürNacht 
erleben, sind statistische Befürchtun 
gen mindestens für Berlin als unbe 
gründet zu betrachten. Golior.
        
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