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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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D er Huf des Flusses — »The call of Ihe rivev« — ist ein Wort, 
das englische Schriftsteller gern anwenden, wenn es sich darum 
handelt, die Vorliebe ihrer Landsleute für Wassersport jeder Art 
darzutun. Wenn sommerliche Hitje über dem steinernen Meer der 
Städte liegt und das Leben in der Enge der Hauser und dem 
Gewirr der Straßen zu einer Qual, die berufliche Arbeit zu einer 
fast unerträglichen Fron macht, da klingt der »Ruf des Flusses«, des 
mächtig dahinrollenden Stromes mit seinen blauen Wellen, seiner 
erfrischenden Kühle, seinen schattigen Ufern lockend an unser Ohr, 
und wer es nur irgend vermag, der flüchtet für einige Wochen 
hinaus aufs Land, aufs Wasser, an den Strand der unendlichen See 
und laßt die Llnrast der Stadt hinter sich wie einen bösen Traum. 
Ein paar Wochen da 
draußen, ja, manchmal 
einige Tage nur, die am 
Wasser, in frischer Luft 
und Sonnenschein ver 
bracht werden, machen 
aus dem überarbeiteten 
Oroßstädtereinen neuen 
Menschen,dcrbald braun 
gebrannt, elastisch und 
von Lebenskraft erfüllt 
an die Stätte seiner 
Arbeit zurückkehrt. 
Der Sportsmaun ge 
nießt all dies doppelt. 
Ihm sind die Ferientage, 
die er an der See oder 
sonstwo am Wasser ver 
bringt, nicht nur Tage 
der Muße und bloßen 
Ausruhens, ihm sind sie 
Tage der Lust, frischen, 
fröhlichen Sports. Ist er 
Segler, so wird er, so 
lange das Gestirn des 
Tages scheint, auf dem 
Wasser liegen, in frohem 
Kampf mit Wind und 
Wellen; mit sicherer 
Hand wird er seine 
schlanke Yacht durdi die 
plätschernden Wogen 
lenken. Er scheut die 
steife Brise nicht, kann 
er an ihr doch seine 
Phot.: Atlantic. Kunst erweisen; aber 
Edith Meder. auch die Flaute kommt 
ihm zu rechter Zeit, bedeutet sie doch für ihn lässiges, wohliges 
Ausruhen in brennendem Sonnenschein, dicht über den kühlen 
Wellen, seliges Träumen, das ihn aller Erdensorge entrückt. Hat 
er sich der Ruderei verschworen, so wird er zu rechter Zeit sein 
Boot, den Einer, den Zweier oder das Kanu klar machen, mit 
Proviant für einige Tage versehen und nun zu einer kürzeren oder 
längeren Tour auf den Fluß hinausziehen. Vielleicht führt gar eine 
zarte Hand das Steuer, dann ist auch dafür gesorgt, daß der kleine 
Spirituskocher, den er mitgenommen hat, kunstgerecht bedient 
wird, und all die leckeren Dinge, die, vorläufig noch in Büchsen, 
1 fiten und Flaschen vorborgen, im Vorratsraum verstaut liegen, von 
sachkundiger Hand zubereitet werden. Denn der Ruderer hat 
einen beneidenswerten 
Appetit, wenn erstunden- 
lang in sengender Sonne 
die Riemen geführt und 
nun irgendwo am Ufer, 
im Schatten alter Bäume, 
sein Zelt aufgesdilagen 
hat, das ihm für die 
HachtObdach gewähren 
soll. Der Ruderer hat 
für den »Ruf des Flusses« 
ein besonders feines 
Gehör; er ist nicht allein 
deswegen Ruderer ge 
worden, weil er am 
Sport Gefallen findet 
und seine jungen Glie 
der rühren und kräftigen 
will, sondern auch, weil 
er von inniger Liebe 
zur Heimat erfüllt ist, 
und seine Ruderfahrten 
ihn die Ficimat besser 
kennenlernen lassen als 
nodi so weite Reisen 
auf der staubigen Eisen 
bahn, deren Geleise sich 
ja nur von Stadt zu Stadt 
ziehen, aber vielfach an 
den größten Sdiönheiten 
unseres Vaterlandes 
Vorbeigehen, die heimli 
chen, von wirklidier 
deutsdierPoesie umklei 
deten Flecken aber si 
cherlich unberührt lassen. 
Auf dem Flusse dagegen, 
Maria Orsfta. 
Phot.: Atlantic.
        
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