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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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waren — als »unmöglich«, im Trikot zu baden. Das 
Trikot gehörte zu den Insignien des Wappenschildes der 
Damen aus der halben Welt und noch kleinerer Bruch 
teile. Ohne zum Pharisäertum zu neigen, muß man 
doch zugeben, daß das sehr viel für sich hatte und daß 
die Frauen von Welt nichts dabei verloren. Es liegt 
mir fern, den Jesuiten zu spielen und zu behaupten, daß 
sie es immer vorzögen, ihr Licht unter den Scheffel zu 
stellen, und einen Gedanken von so hoher Frivolität 
wie den »de se promener dans la gloire de leur corps« — 
wie es französisch so graziös heißt — von vornherein 
mit Entrüstung ablehnen. Es sollte nur zäh daran fest- 
gehalten werden, gewisse Unterschiede zu markieren. 
So war bis vor kurzem auch hinsichtlich der Toilette im 
Fade ein wenig Heimlichtuerei, ein kokettes Versteckspiel 
Sitte. Wer aber suchte — der fand — — Wie dicht 
ein Röckchen auch plissiert, wie hoch ein Leibchen ge 
schlossen sein mochte — sie waren nicht dicht genug, 
um Reizvolles, Begehrenswertes vor suchenden Kenner 
blicken totsicher zu verbergen. 
Audi dieses gesellschaftlidie Versteckspiel gilt also 
heute als veraltet. — Ob Schätze, ob lästiger Besitz — 
alles, alles liegt offen ausgebreitet im Sonnenlicht vor 
uns . . . Ganz große Weltdamen, Weltdamen, Halb 
weltdamen, Viertelweltdämdien, sie alle tragen das 
Trikot, es gilt als modern, niemand wundert sidi 
über das Minimum an Bekleidung, vielmehr ge 
langte man fast dahin, verwundert aufzublicken, sobald 
ein kompletter, richtiggehender Badeanzug auf der 
Bildflädie auf 
taucht. 
Und das ist nur 
natürlich. Unter 
fünfhundert, tau 
send und mehr 
Trikots fällt das 
Kleidchen auf. 
Gummikappe. Gut. Ich beobachte sie und frage midi. Ein soldies allein 
wie wohl diese und jene und viele andere, die mir trotz gibt audi die Mög- 
des unfrisierten Kopfes hübsdi sdieinen, die Frage der lichkeit, sich in Ele- 
Haartracht lösen werden? — ganz und phantasti- 
Es taucht die erste nach dem Bade auf, und die zweite, scher Laune zu be- 
die zehnte, die hundertste — und sie alle tragen fast die tätigen. Man ver- 
identisdie Frisur, soweit von Frisur überhaupt die Rede arbeitet heute nur 
sein kann, sie sehen aus, als wären sie alle vom selben Seidenstoffe oder 
Friseurfrisiert worden, nirgends 
eine eigenwillige Nuance, 
nirgends eine originelle Idee, 
hoffnungslose Kopfuniformic- 
rung! 
Was im Bade neben dem 
nur angedcuteten Anzug nicht 
störte, das genügt nicht neben 
dem modischen Kleid, das 
so viel Aufmerksamkeit ab 
sorbiert. Warum nun vernach 
lässigen die Frauen gerade 
dieses Detail der Toilettekunst, 
das von so weittragender 
Rückwirkung auf ihre Gesamt 
erscheinung ist? 
Bemerkenswert ist es, daß das 
Aufkeimen von zwei urnstürz- 
lerischen Gedanken 
ungefähr indenseiben 
Zeitpunkt fällt: die 
Entstehung der Fa 
milienbäder und die 
Revolution auf dem 
Gebiet der Beklei 
dung im Bade. 
Noch vor einem 
halben Dutzend Jahre galt 
es in den französischen 
Seebädern — in denen 
Damen- und Herrenbad 
bekanntlich immer vereint Illustrationen von Lilian v. Suttner. 
Seidentrikot, von der Verwendung 
von Wollstoff — der die Formen 
am sichersten verhüllte — kam man 
gänzlich ab. 
Mode hin und Mode her — 
wenn eine Frau nicht buchen 
schlank ist, sollte sie immer ein 
Röckchcn oder eine lange Bluse 
tragen. 
Im übrigen steht ihr ja audi 
das ganze Arsenal der modernen 
copeartigen Bademäntel zur 
Verfügung. 
Mit einem dieser malerisch 
wirkenden Mäntel drapiert, 
ist sie genügend gedeckt 
und kann getrost promenieren 
und luftbaden. 
Dagegen sind aber die 
l^yjamas diverser Kategorie — 
die einen mit maskulinem 
Anstrich, die andern von 
hochfemininem Ausdruck — 
nur, aber auch nur für die 
ganz Schlanken bestimmt.
        
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