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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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A M 
BADESTRAND 
Von M a r g a r c t e v. Suttner. 
Ol 
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SÄ 
kbwohl ein Familienbad eine 
'höchst familiäre Angelegen 
heit ist, ist es doch nichts weni 
ger als der Ort, den biederbe 
Familien auserwählen sollen, um 
Hüften zu bauen. Es ist damit 
so eine Sache. Eigentlich müßte 
ob seinem Eingang die Über 
schrift prangen: »Der Eintritt ist 
nur Familien mit Kindern unter 
sechs Jahren, sowie .Familien' 
ohne Kinder gestattet. Kindern 
zwischen sieben und siebzehn 
Jahren ist der Eintritt verboten.« 
Für Kinder dieses Alters sdiclnt der Besudi doch recht 
wenig zweckmäßig. Denn wenn sie im Winter während der 
Schulsemester eine Stadtschule besuchen — vielleicht gar 
in einer Großstadt — und im Sommer während der Ferien 
den Kursus der weltlichen und halbweltlidien Lehranstalt, 
genannt Familienbad, dann dürfte kaum noch etwas zu 
lernen übrigbleiben. Viele für die heranwachsende Jugend 
so hochinteressante Details und Begebenheiten, über die sie 
der Schulbesuch doch nur summarisch und theoretisch auf 
klärt, haben sie im Familienbad Gelegenheit, in aller Muße 
praktisch zu studieren. 
Wie gesagt, Familienbäder sind höchst »verheiratete« 
Angelegenheiten, am besten geeignet für kinderlose Paare, 
sei es mit Dauerkontrakt, Saisonkontrakt oder täglichem 
Kündigungsrecht. 
Schließlich und endlich aber sind sie auch das Ctorado 
der in einem Badeort solo eintreffenden Gäste beiderlei 
GescJilcchts, die sich für Saisondauer mit Total- oder Teil- 
Familienanschluß placieren möchten. Kein Platz auf der 
weiten Welt, an dem es der einigermaßen Erfahrene 
leidster hätte, ein Engagement zu finden. 
Das Familienbad 
ist audi dasjenige, 
nach dem sich die 
Sdiritte der Gut- 
gewadisenen und der 
Ü 
_ijk k 
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Schaulusti 
gen wenden. 
Während 
sich jene 
ihrer modi 
schen Klei 
dung entle 
digen (die 
man wohl als 
»sozial nivel 
lierend« zu 
bezeidmen 
pflegt, die 
die Men- 
sdien aber 
dodi sozial 
so unendlich 
viel klarer 
voneinander 
abhebt als 
die Bade 
hose), grup 
pieren sich 
diese im 
Sande, oder 
sie placieren 
sich auf dem 
angrenzen 
den Stein 
damm, um 
die Nackt 
parade ab 
zunehmen. 
Fürwahr — 
sie ist so 
übel nicht! ITennoch geht die kritische Beschau nidit ab 
ohne mißbilligendes Kopfwackeln, ohne Ellenbogenstöße 
(die vermeintlich »niemand sieht«), ohne amüsiertes Lachen 
oder zynisches l.ücheln, ohne Anzeichen hödister Empörung, 
äußerster Wurschtigkeit oder pervers gesteigerten Interesses, 
ohne Zuhilfenahme des Opernglases (das zu benützen 
eigentlidi verboten ist) — je nach Charakteranlage und 
Weltanschauung. 
Gut gewachsene Frauen-und Männergestalten lustwandeln, 
tollen, katzbal 
gen sich, er 
götzen sich hier 
an Sand und 
Sonne, dort an 
mehr odermin- 
der harmlosem 
Spiel. Viele der 
Frauen haben 
Körper wie der 
eines jungen 
Clowns — ich 
glaube, das ist 
dasneueSchön 
heitsideal? An- 
dere haben run- 
dere Formen, 
sie wirken als 
Staffage des 
grandiosen 
Frciluftgemal- 
des vorzüglich, 
eine eingehen 
de Prüfung der 
Details jedoch 
ergibt, daß sie 
fast alle an 
demselbenÜbel 
kranken — ihre 
Schenkel sind 
allzu sdiwer, 
allzu frauenhaft. 
Dennoch, sie sehen gut aus, und ich versuche in Gedanken 
das Bild zu konstruieren, das sie im modernen Kleide, sorg 
fältig frisiert, behütet, bcsclileiert und beschuht, abgeben 
würden? Diese denke ich mir hüj^sch, jene sogar schi- 
hübsch aussehend, und ach — e gentlich, immer bin ich 
enttäuscht! 
So manche Proportion, die im Freien und unverhüllt aus 
gezeichnet wirkte, erwies sich im modernen Kleid als zu 
schwerfällig, den kritischen Anforderungen des modernen 
Rockes, der geraden Linie, nicht gewachsen. 
Es klingt unglaublich, wenn ich sage, daß ich viele, viele 
Frauen beobachtete, die im ScTunucke des Nichts ihres 
Badetrikots ganz ungleich viel reizvoller aussahen, als an 
getan — oder wäre es vielleicht richtiger zu sagen »angc- 
pumpelt« — mit hochmodernen Toiletten. 
Wie ist das zu verstehn? Was beweist es? Es beweist, 
daß sie es nicht verstehen, sich anzuziehen, und daß sie 
es verabsäumen, ihren Bewegungen, ihrer Haltung jene 
kritische Aufmerksamkeit zuzuwenden, die unerläßlich ist 
zum Aufbau eines eleganten Gesamtbildes. 
ln diese Frage, über die es viel zu sagen gäbe, tiefer 
einzudringen, ist hier nicht möglich, nur über einen Punkt, 
dem die wenigsten Frauen eingehendes Studium widmen, 
ein paar Worte. 
Schroff ausgedrückt könnte cs heißen; Anfang und Ende 
aller Toilettenkunst beruht in der Frisur. Am Badestrand 
sehe ich die Frauen mit einer kunstlosen, vom Winde zer 
zausten Frisur oder mit einer irgendwie, nur praktische 
Zwecke bedenkend, aufgesetzten Haube, oder mit der
        
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