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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

T O R S C H L US S 
Pott Eugen Stangen. 
D ie Knospen springen in der Frühlingsnacht . . . 
In den Bäumen steigen die Säfte . . . Auch in dem 
Garten der kleinen Berliner Vorortvilla. 
Der kleine Vorgarten ist dicht und dunkel. Nur wenn 
die Elektrische vorüberrast, fallen Lichter durch Busch 
und Zaun in den Garten und zucken hell auf und ver- 
huschen wie Kobolde . . . 
Wie Frühlingsgeister . . . 
Wachsen.. Schwellen.. Werden . . 
Die uralte Litanei. 
Aber sie rührt ans Leben, sie 
wühlt im Blut, sie schürt Brände 
auf in den Seelengründen . . . 
Kosima von Helmhold krampft 
die Hände zusammen. In ihr tobt, 
gärt, stürmt es, — eine heiß 
hungrige Begehrlichkeit ist in ihr. 
Und sie sollte — alt geworden 
sein?! Wirklich alt? So alt, daß 
kein Mann sie mehr begehrt? — 
Der Boginsky, dieser „Baron“ 
Boginsky hat es ihr ja in dürren 
Worten gesagt. Ja — sie hat ihn 
erobern wollen! Ja, sie hat ihm 
Avancen gemacht! Und er — nahm 
das zum Anlaß, von einem hoch- 
rentablen Geschäftsbetriebe zu spre- <*. 
chen, zu dem ihm nur eine gewisse 
Summe fehlte, ob sie ihm nicht 
diese gewisse Summe — — 
Wie? Sie war emporgesprungen 
— anpumpen — sie? Schlimmeres konnte man ihr nicht 
antun I — Nie I — Da hatte sich auch der „Baron“ erhoben 
und ihr in dürren Worten Dinge gesagt — — was sie 
sich denn als alte Frau wohl eingebildet habe? — 
Kosima wurde heut noch rasend, wenn sie daran dachte I 
Der „Baron“ wurde gleich darauf als Hochstapler entlarvt. 
Also nicht einmal einen Hochstapler hatte das Weib gereizt? 
Nun sitzt Kosima allein im dunkeln, flachebenerdigen 
Gartensaal, ganz allein ... Ihr Kalender nennt sie — 
über fünfzig! Lächerlich! Sie pfiff auf das Kalenderalter. 
In ihr rumorte doch noch — begehrlich — die Jugend?! 
Die Tür des Gartensaals führt auf eine Veranda, die 
nach derStraße zu heckendicht verschlossen 
ist, aber nach dem Garten eine offene 
Breitseite hat. 
Kosima braucht nur die Veranda zu 
durchschreiten, da ist sie im Frühling. 
Aber was soll sie da, — einsam? — 
Horch — Tritte! — Einbrecher? 
Nein, es wird der Wachmann der Ber 
liner Wach- und Schließgesellschaft sein, 
der immer um diese Zeit an der Garten 
saaltür klinkt . . . Kosima blickt durch» 
Fenster. Eine Elektrische saust vorbei. 
Die Koboldlichter zucken durch den Garten. 
Ja — der Wach- und Schließmann, 
der hübsche junge große Mensch mit der 
famosen Figur! Ein Prachtkerl! Ja, der 
ist’s! Aber — nicht allein — von ihm 
umschlungen die Miekal — 
Oben in den Giebelbaustuben wohnt 
eine alte taube Pastorswitwe. Und die 
Pastorin hat ein „Mädel für alles“, das 
ist die Miekal Und diese Mieka, das junge, 
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rundbrüstige, lachend-allerliebst-hübsche blonde Ding hat 
der Schließmann. 
Zur Veranda strebt er „pflichtgemäß“ hin — und klinkt. . 
Die Tür ist abgeschlossen — alles ganz ohne Licht — 
also niemand zu Hause, „Alles richtig“, mag er denken. 
Und da, wie immer, die Verandamöbel nachtüber draußen 
sind — (oh, Kosima ist auch darin 
„großdenkend“) — sogar ein be 
quemer langer Liegestuhl, so — hat 
das Pärchen ungestört ein wunder 
feines Turteltaubennest . . . Die 
Mieka hat sich’s, lang hingestreckt, 
im Liegestuhl bequem gemacht . . . 
Kosima zittert am ganzen Körper. 
Was die sich küssen ... In ihrem 
Liegestuhl 1 So ein Schließmann I — 
Ach Frühling . . . Springende 
Knospen . . . Steigende Säfte . . . 
Schwellen . . . Wachsen . . . Wer 
den . . . Frühling ... — — — 
Am andern Tag ist sogar schon 
ein Frühlingsröschen in Kosimas 
Garten erblüht . . . 
Und weicher, wärmer, schmei 
chelnder ist heut der Abend . . . 
Oben die alte Pastorin hat die 
Mieka noch mit einem Abendzug 
nach Berlin gehetzt! Die Mieka soll 
eine Nichte holen. Die Pastorin 
will eine Nichte zur Pflege für die 
Nacht haben, sie fühlt sich krank. 
Also ist die Mieka weg. — Kosima hat sich dahum in 
den Liegestuhl gelegt. Ein Tuch über sich hingehuschelt. 
Ob sie wirklich keiner, keiner mehr begehrt? — 
Schritte . . . Leises Kling und Klirr . . . Das Schlüssel 
bund . . . Der Wach- und Schließraann, er macht seine 
Runde . . . Revidiert ... Er kommt zur Veranda, stutzt, 
pfeift durch die Zähne. 
„So eine Mieka — liegt sie schon wieder da! He! 
Schnuckelchen, Mausekindchen 1 “ 
Aber die Liegegestalt rührt sich nicht. 
Der Schließer lacht. „Du Racker du! Und er kneift 
sie in die Waden ... — Kosima schreit halblaut auf . . . 
Der Schließmann beugt sich vor — 
das ist doch nicht Miekas Stimme? Gerade 
fährt eine Elektrische vorbei —• Kobold 
licht huscht hell durch den Garten — 
über ein Gesicht, das weitoffenen Auges 
zu ihm emporblickt. 
„Die — Gnädige!“ 
Wenigstens drei Schritt retiriert der 
Mann zurück, aber aus der Kontenance 
ist er sonst nicht geraten. Mit einem 
Gemisch von Humor und Gutmütigkeit 
sagt er: „Gnädige Frau werden sich er 
kälten, denn der Frühling hat so seine 
Tücken. Na — ich wollte bloß klinken. 
Aber wenn Sienochliegenbleiben wollen—“ 
Nein, nein, nein — sie will nicht liegen 
bleiben. Wozu denn, wozu? Auf ist sie — 
hinein — und schon kracht die Tür 
hinter ihr zu . . . 
Torschluß — für immer . . . 
Draußen verklingt ein gedämpftes, 
kicherndes Männerlachen . . .
        
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