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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Von Georg Schade. 
.erda war eine reizende Frau. Darüber 
waren sich alle ihre Bekannten einig, und 
ihr Bekanntenkreis war nicht klein, denn 
auch als junge Witwe pflegte sie eifrig die Ge« 
selligkeit, weil sie sich immer »so einsam« fühlte, 
wie sie sagte. Diese Einsamkeit vermochte selbst 
nicht die zarte Aufmerksamkeit Bobbys zu bannen, 
ohne den man Gerda selten sah. Sie waren un= 
zertrennlich, und dennoch klagte Gerda oft über 
Einsamkeit, Da kam ihr plötzlich die Erleuchtung. 
Einen Hund mußte sie haben, und zwar einen 
»richtigen Polizeihund.« 
Was hatte Bobby nicht schon alles von der 
Klugheit dieser Tiere erzählt! Solch ein Hund 
würde ihr nicht nur die einsamen Morgenstunden 
vertreiben, wenn Bobby auf dem Gericht zu 
tun hatte, sondern er würde ihr auch gleichzeitig 
ein treuer, zuverlässiger Freund und Beschützer 
sein. 
Natürlich bekam Gerda sofort einen Polizeihund,- 
Bobby hatte ihn besorgt. »Teil« war das Pracht» 
exemplar eines deutschen Schäferhundes. Ein Rüde 
natürlich, denn darauf hatte Gerda bestanden,- es 
mußte ein »Männchen« sein. Männchen wären 
zuverlässiger, hatte sie gesagt. Männchen seien 
überhaupt süß. 
Dabei hatte sie Bobby mit so reizendem 
Lächeln angesehen, daß er auf seine Geschlechts» 
angehörigkeit noch stolzer wurde, als er es sonst 
schon war. — 
Obgleich »Teil« vorzüglich dressiert war, ver» 
mochte es die liebevolle Pflege seiner neuen Herrin 
doch, ihm bald einige unangenehme Eigenschaften 
beizubringen. So pflegte er sich stets die weichsten 
Stellen als Ruheplätzchen auszusuchen und zeigte 
eine ganz besondere Vorliebe für Betten . . . 
Gerda und Bobby wollten heute ein Garten» 
konzert besuchen, und »Teil« sollte sie natürlich 
begleiten, Bobby aber hatte noch dringend Akten 
durchzusehen und arbeitete emsig. Frau Gerda 
lag in weiche Kissen gelehnt auf der Chaiselongue 
und las in einem Roman, der sie aber wenig fesselte. 
Sie warf das Buch beiseite und begann sich zu 
langweilen. 
Gleich stellte sich auch das Gefühl der Ver» 
einsamung wieder ein. Sie blickte sehnsuchtsvoll 
zu Bobby hinüber — doch der arbeitete eifrig. 
Da durfte sie nicht stören, das wußte Gerda . . . 
Wo aber war »Teil«? — Gerdas Blick fiel 
auf die Tür zu Bobbys Schlafzimmer. Sie stand 
ein wenig offen. — Aha! Sicher hatte sich »Teil« 
wieder ein weiches Plätzchen gesucht. 
Ein reizendes Lächeln auf den schwellenden 
Lippen glitt Gerda leise zur Tür und lugte ins 
Zimmer. Doch — was war das? Teil hatte die 
Kissen zerwühlt und zerrte energisch an irgend» 
etwas von rosa Farbe, das fest zwischen die 
Matratze geklemmt war. 
Mit ein paar Schritten war Gerda bei dem Bett 
und zog das rosa Etwas, das sich dort festgehakt 
hatte, hervor. Es war ein Strumpfband mit auf» 
fallend gekrauster, koketter Schleife. — 
Teil versuchte spielend nach dem Strumpfband 
zu schnappen. Energisch gebot Gerda Ruhe und 
schob das Corpus delicti in die Tasche. Dann
        
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