Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

79 
Die »Feen« vom Potsdamer Platz. 
»Dea Bund Vajissmeinnicht eene Mark hier — meene Dame . .« 
IV. 
Verlorener Krieg — auch auf dem Potsdamer Platz treffe ich 
auf deine Spur. Jetzt kündet eine tschecho-slowakische Bank und 
eine französische Schnapsdiele von Randstaatenpolitik und Sank 
tionen, wo einstens Siechens dunkles Bier dem Asphaltbummler 
Labsal bot. Zweier Stammtische im Siechenhaus gedenke ich, des 
einen, den die Maler des Künstlerhauses in der Bellevuestraße 
bevölkerten; am anderen saßen die Schauspieler des Theaters in 
der Königgriitzer Straße, das früher Hebbeltheater hieß und mit 
Wegener, der Triesch, Zelnik und Ottchen Gebühr über ein für 
damalige Verhältnisse geradezu rotterisches Ensemble verfügte. 
Da wurde denn über Kritik und Direktor geschimpft, bis man im 
Sechseromnibus bis zum Karlsbad fuhr, um in Wegeners Wohnung 
noch ein paar Gläser von der berühmten „Rachenpestsäure“ hinter 
die Binde zu gießen. 
Jetzt herrscht ein wüster Hexensabbat vor dem ehemaligen 
Siechenhaus. Da ist eine fliegende Warenbörse installiert, auf der 
vom Hosenknopf — Abreißen unmöglich — bis zum Stoff zum 
totschicken Anzug — echt hohmspönn, garantiert Wolle mit 
Baumwolle gemischt — alles zu kaufen ist. Da gibt es Pfeifen- 
reiniger und Strumpfbandhalter aus Silberdraht, unter Garantie 
300 gestempelt, Halsketten aus Knochen und kunstseidene Strick 
binder, heiße Wiener und falsche Pässe. Den größten Erfolg aber 
»Einen Augenblick — mein Herr!« 
Einmal wichsen kostet 15 Groschen — aber sie haben’s raus, das 
muß ihnen der Neid lassen. Mit unzähligen Pasten, Kremen 
Lappen und Läppchen arbeiten sie an einem herum — während 
auf dem Platz vor den Autorädem der Matsch in kleinen 
Spritzern zerstiebt ... 
VI. 
Der Rundgang um den Potsdamer Platz ist beendet. Jetzt 
kannst du dich gegenüber ins Palast-Kaffee setzen oder auch in 
die Riesenhalle des „Vaterland“, und Zeitungen lesen, oder Artikel 
fürs „Berliner Leben“ schreiben — und immer hast du den 
Berliner Hexentanzplatz vor dir mit seinem Schwefelgestank der 
Autos und dem Fauchen und Johlen der Tausende, denen er Ziel 
und Übergang ist. 
Weltverloren, wie aus einem anderen, friedvolleren Jahrhundert, 
grüßen die Blumenfrauen zu dir herüber — einzige Farbe im 
grauen Meer. Sie künden von Behaglichkeit, von Ruhe und 
Frieden, sie erzählen vom Großstadtfrühling. Gelb leuchten die 
ersten Narzissen. Zeichnungen von Godal. 
hat „der Mann mit die Feenhände . . .“ Also wen von die Herr 
schaften ich meine Zauberkarten hier noch mal mitgeben darf, das 
kostet keine zwei Mark, auch keine 15 Groschen, heute aus 
nahmsweise nur noch mal 100 Fennje, eine deutsche Reichsmark . .“ 
Der Humanist geht weiter und denkt mit dem letzten Rest la 
teinischer Vokabeln: „Mundus vult decipi, ergo decipiatur.“ 
V. 
Vor dem massigen Eingang zum Potsdamer Bahnhof steht 
noch eine Normaluhr. Sie ist nicht bequem und rund wie ihre 
Schwester von der Rendezvous-Ecke, sondern steif und gerade 
wie die Pfeiler der Bahnhofshalle. Vor dieser Uhr ist auch „aller 
hand gefällig“. Da handelt die eine mit antisemitischen Wochen 
schriften, zu welchem Behufe sie ein großes Hakenkreuz um 
gehängt hat — ein anderer vielversprechender junger Mann ver 
treibt den „Europäischen Heiratsmarkt“, aus welchem klar er 
sichtlich ist, daß jene menschliche Eigenschaft, die man mit 
„monogam“ zu bezeichnen pflegt, zweifellos mit „Einheirat“ 
zu übersetzen ist. 
Am spaßigsten aber — wegen der Aussichtslosigkeit, je Millionär 
zu werden und ihrer trotzdem guten Laune — sind die Stiefel 
putzer, die sich unter dieser Uhr etabliert haben. Das ist noch 
der letzte Rest des All - Berliner Schusterjungen - Typus, den 
Glasbrenner und Kalisch unzählige Male „verkohlt“ haben. 
Jetzt sind sie natürlich mit der Zeit gegangen, d. h. sie wuchern. 
»Mit dieset kleene Kartenspiel, meine Herrschaften, können Se 
eene janze JesellSchaft jahrelang unterhalten . . .«
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.