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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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I. 
\ Ton Ost nach West brandet 
der Strom, schlingt sein 
Band vom Messel - Palast 
A, Wertheims zum Pleite- 
Palast des Bruders Wolf 
Wertheim. Erinnerung er 
wacht an unerhörte Skandale, 
Wolf . . . Metternich .. . Ehe 
. . . Bruch .. . Ehebruch — 
tuhut — fast ausgestorben 
liegt die Potsdamer Straße 
da. Der Grüne, letzte Säule 
alter Ordnung, erhob die Hand, 
und nun ergießt sich von Nord 
nach Süd, durch Königgrätzer 
und Budapester Straße, vom 
Brandenburger zum Halleschen 
Tor die feurige Lava, alles 
überrennend, was ihr in den 
Weg tritt: Moloch Verkehr. 
Staubecken von Welten, 
Halbwelten, Unterwelten, Schlachtfeld kleiner Verdiener, Paradies 
der Menschenhändler — und doch noch Hüter und Bewahrer 
letzter Berliner Poesie — so gibt er sich heute mit dem reizvollen 
W echsel baufälliger Torhäuschen und steinerner Paläste — san 
diger Spielplatz einst, goldene Roulette der Weltstadt jetzt, so 
lebt in der Geschichte Berlins der Potsdamer Platz. 
Momentpßotograpdien von Tritz M. Witßowsßi. 
Jüngsten Gerichts, fielen 
Liebknechts W orte, zur 
Einkehr mahnend. Auch seine 
Verhaftung sah die kluge 
Normaluhr, und ging ruhig 
weiter Leb’ wohl, du 
Pünktliche, mögest du noch 
lange — nur Glücklichen die 
Stunde schlagen. 
III. 
Cafd Josty. Wertheim- 
Verkäuferinnen mit ihren p. p. 
Portokassenschätzen, Kon 
fektioneusen aus der Bendler- 
straße und die reichen Freier, 
Infektioneusen vom Talon mit 
Louis und Alphonse und da 
neben Jobber, Zokker und das 
bunte Gelichter, das die Wett 
annahmestelle anlockt. Es ist 
eine ganz verschrobene Weit 
hier und nicht zu unrecht war in Friedensjahren auf dem Dache 
des Josty-Hauses gerade die berühmte Lichtreklame von Manoli 
angebracht, die der Volksmund bald zur Andeutung eines leichten 
Wahnsinns benutzte — „Manoli rechtsrum, Manoli linksrum.“ 
II. 
Letzte Poesie, grünes Eiland im Ozean des Verkehrs: die 
Normaluhr. Wieviel geistlos Glücklichen war sie Rendezvous- 
Platz, wieviel geistvoll Geschäftigen zeigte sie die Zeit verdienter 
Millionen. 
Und ich denke eines Tages von 1914, da traf irgendeine Sieges- 
nachricht von draußen ein und nur ein einziges Telegramm hatten 
wir und Tausende harrten der Kunde. Da kletterte entschlossen 
ein Student auf die runde Uhr, und reitend wie auf stolzem 
Streitroß, las er uns — vom Sieg an der Marne. Armes Deutsch 
land, wie wurdest du belogen herab von der Uhr am Potsdamer 
Platz. 
Und ich denke der Zeit, da 
langsam Besinnung erwachte 
und die Frage: wohin, wo 
hin treiben wir? Da 
staute sich wieder 
eines Tages die 
Menge vor der 
Normaluhr, und 
messerscharf, 
wie die Po 
saune des 
»Spiejelblank jewichste Stiebet.« 
»Versetzt!« 
X 
Vor dem Eingang drängen sich die Buchmacher. Sie sehen es 
schon von weitem jedem an, ob er Kaffee trinken oder wetten 
gehen will — und auf diese sind sie scharf. „Na, vielleicht eine 
kleine Schiebewette gefällig, Frankreich, Mariendorf, Karlshorst?“— 
Sie sind an den Falschen geraten, denn zwei Minuten später er 
tönt ein Pfiff—„das ist der Rhythmus, wo jeder mitmuß“. Zur 
Wache nämlich, würde der Kabarettdichter Kurt Schwabach 
dichten. „Een Oogenblick, mein Herr“, und schon packt der 
Grüne eine freundliche Erscheinung, die mit der Reisetasche den 
biederen Provinzonkel zu markieren suchte. Man kennt ihn als 
gefährlichen Tipster und Buchmacher — Verluste hält er, aber 
Gewinne auszahlen, is nicht. Jedesmal gelang es ihm noch recht 
zeitig, zu türmen, aber diesmal wurde er doch gekappt. Ver 
gebens sucht er Falle zu machen — der Alex wartet schon auf 
ihn . . . Jostyzauber.
        
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