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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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BERLIN ALS 
SPORTSTADT 
*V; 
er sich noch jener alten ge- 
tniitlichen Zeiten zu erinnern 
weiß, in denen man für einen 
Groschen mit der Pferdebahn ein 
mal um ganz Berlin herumfahren 
konnte und in denen man für ver 
schwenderisch gehalten wurde, wenn 
man, anstatt abends seinen Heim 
weg bescheiden per pedes aposto- 
lorum zurückzulegen, für die Be 
nutzung einer alten wackeligen 
Droschke „erster Güte“ einen harten 
Taler opferte, der wird auch wissen, 
daß die Anfänge Berlins als Sport 
stadt noch gar nicht allzulange zurück- 
liegen. Man wird das Richtige treffen, 
wenn man das sportliche Alter der 
Reichshauptstadt auf ein halbes 
Jahrhundert veranschlagt. Wohl hat 
es schon vor mehr als 50 Jahren 
auf dem Tempelhofer Felde Pferde 
rennen gegeben, aber in dem Berlin . , , 
der Biedermeierzeit war der Begriff Sport so gut wie unbekannt, 
und das Rennen gehörte zum guten Ton und war alles andere denn 
eine Volkssache. 
Volkstümlich ist das Pferderennen erst geworden, als draußen vor 
den Toren Berlins, rechts von der Spandauer Chaussee, die alte 
Charlottenburger Rennbahn der Schauplatz der damaligen renn 
sportlichen Ereignisse wurde. Das war zu Anfang der achtziger 
Jahre; ein großer Korso von eleganten Fuhrwerken bewegte sich 
zu jener Zeit an den Renntagen nach den Höhen von Westend 
hinaus und Tausende standen Spalier, um sich an dem farben 
prächtigen Bilde zu erfreuen. Tausende pilgerten auch zur Rennbahn 
selbst hinaus, um Zeuge der Rennen zu sein; draußen in Charlotten 
burg war „Feste Kramsta“ der 
populärste Reiter und die be 
rühmte Wellgunde das volks- 
tümlidiste Pferd. Wenige Jahre 
später siedelte dann der Verein 
für Hindernisrennen, der 1881 
gegründet worden ist, nach der 
neuen Rennbahn in Karlshorst 
über, und in den neunziger 
Jahren begann sich hier der 
Hindernissport kräftig zu ent 
falten. 
Wenn Berlin heute eine wirk 
liche Sportstadt ist, so sind es 
sicherlich nicht jene pferdesport 
lichen Anfänge gewesen, die es 
dazu gemacht haben. Es wurden 
damals ja auch in Hoppegarten, 
der Trainingzentrale des deut 
schen Rennsports, Rennen, und 
zwar Flach- und Hindernisrennen, 
gelaufen, und der Trabrennsport 
hafte in Weißensee und später 
in Westend seine volkstümlichen 
Pflegestätten; bahnbrechend ha 
ben aber andere Zweige des 
Sports gewirkt, in der ersten Zeit 
der Radfahrsport, der im Beginn 
der neunziger Jahre auf der 
Rennbahn in Halensee große 
Tage sah, und in späteren Jahren 
vor allem die eigentlichen Volks 
sports, Fußball und Leichtathletik. 
Das Radrennen, das ja auch heute 
noch eine gewaltige Anhänger 
schar hat, war damals schon 
außerordentlich populär. Jedes 
Kind kannte die Helden des 
Zements — des Asphalts müßte 
man eigentlich sagen oder des 
Makadams, denn die ersten Bah 
nen waren mit diesem Belag 
ausgerüstet. Schon auf der ersten 
Berliner Radrennbahn, die in der 
Brückenallee in Moabit gelegen 
war, hatte es internationale 
Pfiot.: 
A. Mcnzencforf. 
König Midas, der Sieger im Henkefrennen. 
Die Beiden deutschen Tennismeister Kreutzer und TroitzBeim. 
Kämpfe gegeben, in denen übrigens 
unsere deutschen Fahrer wie August 
Lehr, Pundt, Emberg; und andere 
voll ihren Mann standen; später 
gewannen Fahrer wie Mulack, Hey 
mann, Mflndner, einige Jahre nach 
ihnen Arend, Robl und andere, 
Volkstümlichkeit. 
Das charakteristische Kennzeichen 
einer Sportstadt ist zweifellos einmal 
das Durchdrungensein der ganzen 
Bevölkerung mit wirklicher, echter 
sportlicher Passion, dann aber auch, 
als unentbehrliche Grundlage für 
eine allgemeine und rationelle Pflege 
des Sports, das Vorhandensein hin 
reichender sportlicher Einrichtungen 
und Kampfbahnen. Was das erste 
Moment anbetrifft, so besteht wohl 
kein Zweifel darüber, daß es in 
unserer Reichshauptstadt festzustellen 
ist. Man braucht zu diesem Zwecke 
noch nicht einmal einen Tag herauszugreifen, der die sportlich ge 
sinnten Gemüter in besondere Erregung versetzt, wie etwa den 
der Orünauer Ruderregatta oder den des Staffellaufes Potsdam— 
Berlin. Da kann man natürlich draußen am Ufer der Dahme und 
des Langen Sees Tausende und aber Tausende von Schaulustigen 
den Ruderkämpfen beiwohnen und den Siegern begeistert zujubeln 
sehen; schier endlos ist die Schar derer, die auf den weiten 
Tribünen oder auf den grünen Rasenflächen am Ufer des Flusses 
und Sees viele Stunden lang ausharren und sich am Spiel der ju 
gendlichen Kräfte erfreuen. Beinahe noch gewaltiger aber ist der 
Strom der Menschen, die am Tage des Potsdam —Berlin-Laufes 
unsere leichtfüßige Jugend kämpfen sehen wollen und die Wettlauf 
bahn in riesigem, viele Kilometer 
langem Spalier einrahmen. Das 
sind Großtage des Sports, an 
denen man so recht erkennt, daß 
der Sport, die Leibesübung bei 
uns längst Volkssache geworden 
ist. Aber auch an gewöhnlichen 
Tagen, die keine besonderen 
„Sensationen“ bieten, erkennt 
man dies zweifelsfrei. Ein puß- 
ballwettspiel, wie das zwischen 
Basel und Berlin, das kürzlich 
an 40000 Schaulustige ins Stadion 
zu locken vermochte, hat natür 
lich noch als Ausnahmefall zu 
gelten, aber auch die Wettspiele 
unserer Ligaklasse üben eine 
große Anziehungskraft auf die 
Bevölkerung Berlins aus, die 
wochentags über hart arbeitet, 
am Sonntag aber, wenn sie nicht 
selbst Sport treiben kann, sich 
wenigstens an einem fesselnden 
sportlichen Schauspiel erfreuen 
will. 10000 oder 15000 Zu 
schauer sind bei einem erst 
klassigen Fußballwettspiel keine 
Seltenheit, und da an fast jedem 
Sonntag ein Viertelhundert 
Wettspiele in Groß-Berlin statt 
findet, ist die Schar der Inter 
essenten ganz außerordentlich 
groß. Die Generation, die vor 
20 Jahren selbst Fußball spielte 
oder Leichtathletik trieb, stellt 
heute das begeisterte und sach 
verständige Publikum, und nach 
weiteren 20 Jahren wird die 
Schar derer, die sportlich inter 
essiert sind, noch viel größer sein. 
Was nun die sportlichen Ein 
richtungen anbetrifft, so braucht 
Berlin vor keiner Stadt der Welt 
Phot' G 1‘icbidc zurückzutreten, es sei denn viel- 
leidst London, das nahezu 2000 
Spiel- und Sportplätze aufweist
        
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