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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Betrachtungen über cfie Sommermocfe 
Von Margarete v. Suttner. 
Elegantes Nachmittagskleid 
aus gemustertem Toulard und einfarbigem Krepp 
Georgette, mit passendem Cape. Großer schwarzer 
Tafihut. ('Modell: Ch. Drecoil.J 
G egen den 
Vorwurf, 
nicht sommerlich 
luftig und duftig 
genug zu sein, 
sind die heutigen 
Sommermoden in 
Gegenwart und 
Zukunft gefeit. 
Also müßten sie 
eigentlich das 
Ziel aller Wün 
sche sein? Ach 
nein, nur das 
einer verhältnis 
mäßig sehr klei 
nen Gilde von 
Menschen, die 
große Majorität 
lebt ständig mit 
der Mode im 
Krieg, teils aus 
psychischen, teils 
aus physischen 
Gründen, und tat 
sächlich bedarf es 
besonderer Ver 
anlagung, um mit 
allen Moden im 
mer gleich auf 
du und du zu 
stehn und immer 
gutzuheißen, wovon man selber nicht genießen kann. 
Es erfordert ein wenig Seelengröße, sie aber ist heute 
noch nicht in großen Mengen fällig. Sie wird sich 
voraussichtlich einstellen zugleich mit der „gerechten“ 
Verteilung aller weltlichen Besitztümer — oder um 
gekehrt — und dann wird es auch keine Mode mehr 
geben, denn sie ist ein soziales Phänomen, sondern eine 
Art einheitlicher Bedeckung der Blößen, soweit noch 
vorhandene Reste von Eitelkeit und Schamgefühl sie 
überhaupt noch erfordern werden. 
Vorläufig ist es noch nichts damit. Es gibt nur 
Menschlein, echt irdische Kreaturen und jede unter 
ihnen trachtet energisch etwa bestehende Differenzen 
zwischen der Bilanz der eigenen Erscheinung und der 
des Nachbarn nach oben abzurunden. Der Schuster 
lehrling will mindestens aussehn wie ein Meister, und 
der Meister wie ein „Baron“. Das nennt man Ver 
wischung der sozialen Unterschiede. Obwohl die Mode 
bei diesem Beginnen die unentbehrliche Mithelferin ist, 
liegt man doch ständig mit ihr in Fehde, und das ist 
nur natürlich; denn in allzu großer Anzahl ersinnt sie 
Dinge, die sich mit dem Verwischen der sozialen Unter 
schiede nicht vertragen — so unter anderem gewissen 
Tand, der auf die Bezeichnung „Sommerkleid“ hört. 
Moderne Sommerkleider, die ganz, ganz schick und 
extra nobel sind, sind eigentlich eine kuriose Angelegen 
heit. — Oben nichts, unten nichts, auf den Armen wenig 
und dazwischen wenig, das heißt — genügend Stoff ist 
eigentlich oft vorhanden, aber gar so durchsichtig ist 
er halt, und gar so geschmeidig. 
Ein reelles Futter, eine reelle Ausarbeitung, so daß 
man es einem Kleide gleicherweise ansieht und anfühlt, 
daß man für sein Geld auch was hat, gibl’s ja in 
Kleidern, die die hohe Schule der Mode dokumentieren, 
schon längst nicht mehr. Obwohl wir daran gewöhnt 
sind, will es doch scheinen, als emanizipierten sich die 
Kleider ständig mehr und ein wenig zuviel vo allem, 
was Futter und fester Halt heißt. 
Es gibt ihrer solche, die sich vermutlich mitden Schleier 
gewändern messen können, die Phryne verhüllten, als 
sie vor ihre Richter trat. Als sie sie fallen ließ, und 
ihre Richter zu heller Begeisterung entflammte, stellte 
sich heraus, daß sie nichts unter ihnen trug. Das ist heute 
nicht modern, aber was nicht ist, kann ja noch werden. 
Oben nichts, sagte ich vorhin. So ist es. Es gibt 
lebensunkundige Menschen, die sich von Saison zu Saison 
viel vom hohen Stehkragen versprechen — ein Irrtum, 
der sie ehrt. Er ist und bleibt eine aparte Beigabe ge 
wisser Kleider, eine zu gewissen Tagen und Stimmungen 
passende Laune, eine in vielen Fällen modisch anerkannte, 
günstige Verhüllung. Alle Sommerkleider sind halsfrei, 
die Mehrzahl weist das ovale Decollete auf. Im all 
gemeinen kann man sagen: Je eleganter Kleid und 
Trägerin, um so größer der Halsausschnitt. Unter den 
Frauen, die die Kunst, sich anzuziehen wirklich beherr 
schen, die also das jeweilig günstigste für sich heraus 
zufinden wissen, gibt 
es viele die nur vier 
eckigen oder spitzen 
Ausschnitt tragen, 
und den runden ab 
lehnen, es müßte 
denn ein letztmo 
dernes Detail mit 
ihm verknüpft sein, 
und zwar: es gibt 
Toiletten aus lufti 
gen Stoffen, die das 
Problem lösen, wie 
man ein ganz kleines 
Nachm ittagsdecol- 
lete tragen und 
doch mehr oder min 
der bloß sein kann. 
Die Taille besteht 
aus einer Art von 
einigermaßen blick 
sicherem Gürtel, der 
vorn bis zu der bis 
jetzt noch gültigen 
äußersten Grenze 
reicht, sich aber 
hinten bis auf Hand 
breite verkrümelt, 
und dem darüber 
liegenden Leibchen 
aus Chiffon, Spitze 
oder ähnlichem, des- 
p. . . y f Elegante Toilette 
Sen Dasein Sich aut zusammengestellt aus Spitzen, Chiffon und Tüll, 
einige Schritte Dis- Origineller Sonnenschirm aus Chißon mit Innen * 
tanz hanntsärhlich garnitur aus Spitze. Blumenhut. 
.anz nauptsacniicn (Modelt Vereinigte Modehäuser Gerscn* 
dadurch verrat, daß Prager. Hausdorf.) 
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