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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

jZj^gbeit schwärmte 
für die schönen 
Künste, und es war 
sein größter Kum 
mer, daß er sich 
hierin nicht aktiv zu 
betätigen vermoch 
te. Besonders die 
Kunst des Zeichnens 
machte ihm viel Schwierigkeiten ; er konnte nicht einen 
geraden Strich ziehen; es wurden immer Kurven. Diese 
seltsame Erscheinung erklärte er mit seiner Schwärmerei 
für Rokoko; die Grazie dieses Stils hatte es ihm an 
getan. Und nun hatte Egberts Schwester ihm eine 
Teepuppe geschenkt: ein entzückendes, graziöses 
Figürchen mit weißer Perücke und verführerisch ge 
schürzten Lippen. Egbert war außer sich vor Freude 
und stellte die Teepuppe mitten auf den Tisch im 
Salon seiner eleganten Jung 
gesellenwohnung, denn er 
wollte die kleine Rokoko 
dame immer vor Augen 
haben. Und als er eines 
Tages in einem Schaukasten 
zwei getreue Abbilder seiner 
Teepuppe sah, schwankte 
er, ob er nicht auch diese 
kaufen sollte. — Aber sich 
drei völlig gleiche Puppen 
hinstellen, nein, das war 
geschmacklos. Da kam ihm 
plötzlich eine siegende Idee. 
— So gings! So würde er 
seine Rokokodame immer 
vor Augen haben, ohne sich 
mehrereExemplare hinstellen 
zu müssen. 
Er kaufte die beiden 
Püppchen, eilte nach Hause, 
verpackte sie sorgfältig und 
schickte die eine Rokoko- 
damc als Geschenk an die 
blonde Agathe, mit der er 
2 
seit drei Monaten verlobt war, und die andere an Molli, 
die kleine, schwarzhaarige Soubrette, die länger schon 
— mindestens seit sechs Monaten — seinem öden 
Junggesellenleben Farbe und Wärme, Linie und 
graziösen Schwung verliehen. Egbert strahlte. Eine 
glänzende Idee! Nun hatte er sein reizendes Rokoko 
dämchen, in das er fast ebenso verliebt war, wie in 
Agathe und Molli, sozusagen Tag und Nacht bei sich, 
denn eine war bei Agathe, eine bei Molli und eine zu 
Hause. Und wo sich Egbert gerade befand, da 
schwärmte er von der Grazie und Anmut des Rokoko 
und wies zum Beweis auf die Teepuppe . . . 
Ein Komitee von Damen und Herren der ersten 
Gesellschaftskreise veranstaltete zum Besten für not- 
leidende Kinder ein Maskenfest. Da mußte „man“ also 
hingehen. Darum ging Egbert hin und die blonde 
Agathe mit dem Papa Kommerzienrat und viele, viele 
andere gingen auch hin. Egbert hatte natürlich das 
Kostüm eines Rokokoherrn 
gewählt und fühlte sich in 
seinem durchaus stilechten 
Kostüm sehr behaglich. Nur 
eine Maske verschmähte er; 
die war zu unbequem. Die 
blonde Agathe hatte über 
ihr Kostüm nichts verraten 
wollen, hatte Egbert aber eine 
Überraschung in Aussicht 
gestellt. Darauf war Egbert 
sehr gespannt. 
Doch Agathe ließ auf sich 
warten und so vertrieb Egbert 
sich die Zeit damit, „zum 
Wohle der notleidenden Kin 
der“ einige Gläser 
Sekt zu schlürfen, 
was seine freudigan 
geregte und erwartungsvolle 
Stimmung ungemein hob. 
Er blinzelte eben vergnügt 
durch die bunte Menge, da 
— er traute seinen Augen 
kaum da kam etwas
        
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