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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

im Antlitz 
der Dame, 
die Flor 
strümpfe 
trägt und 
ihre Lippen 
über die 
lächelnden 
Zahnlücken 
legt. Noch 
ein anderer 
Raum ist 
da, aber 
man kann 
nicht hin 
einsehen. 
Man muß 
hineinge 
hen. Und 
da der Wirt gerade voraufschreitet, folge ich ihm. Ein 
Billard in der Mitte mit Zilledamen betastet, dazu ein 
Mädchen ä la Pascin. Nach dem Hofe zu ist ein Fenster 
geöffnet, damit man schnell ins Freie springen kann, 
wenn einem innen die Luft zu ungesund wird. Die 
Frauen rühmen sich ihrer „Jahre“ und lassen die Beine 
baumeln. Sie sprechen laut und ihre Stimmen über 
tönen das Flüstern der Männer, die 
eine Sekte zu bilden scheinen. Sie 
haben mich wohl gesehen, aber 
sie sagen nichts. Wüßte ich doch 
ihr Zeichen, um ihre Geberden 
in mein geliebtes Deutsch 
zu übertragen. Der Tap 
ferkeit besseres Teil 
wählend, kehre ich 
an das Büfett zu 
rück und bestelle 
mir einen polnischen 
Tanz und eine pol 
nische Wurst. Es 
sind ziemlich viel 
Menschen in diesen 
drei Räumen, aber 
es ist nicht viel los. 
Ich weiß noch nicht 
einmal, ob außer 
mir noch ein an 
derer Verbrecher in 
dem Lokal weilt. 
Draußen, vor der 
Tür hört man einen flüchtigen 
Schritt. Das bestimmt mich, 
die Reste der Wurst beim 
Zipfel zu nehmen. Plötzlich öff 
net sich die Tür und zwei 
Browningmündungen richten sich 
auf den Luxusgegenstand, den 
ich eben in den Mund schieben 
wollte, und der mir schon in 
der Luft steckenbleibt. 
Hinter mir eine Stimme: „Lich 
ter aus! — Messer raus?“ . . . 
Also doch! Klirrende Finsternis. 
Auf dem Hof ein Schuß! Kurzes 
Kreischen und eine häßliche 
Stille. Die Heinzelmännchen des 
Gesetzes sind gekommen. Ich 
zeige ihnen meinen Paß, muß aber zunächst dableiben. 
Erneutes, dumpfes Poltern in der Dunkelkammer der 
Kaschemme. Ein Schrei! Ein paar Schläge. Stürzen und 
Heransausen wogender Körper. Plötzlich geht das Licht 
wieder an und wie eine jäh entwickelte Photographie 
steht die Szene da. Der eine Beamte blutet, durch das 
Hoffenster wird ein Körper hereingeschoben. Einem 
der Abgeführten rieselt weißes Pulver aus der Brust 
tasche. Kokain? Oder Borsäure ? Oder beides. Ich 
werde freigelassen und entferne mich langsam, aber 
bestimmt. Die Straße ist verteufelt menschen 
leer. Nur in einem Hausflur ein leichter 
Schlag gegen das Glas. Eine Aufforde 
rung zum Mitkommen, die ich mit 
einer 25 prozentigen Zunahme 
meiner Schnelligkeit beant 
worte. Diese nächtliche Fle 
dermaus ist vielleicht nicht 
so schlimm wie die schöne 
glitzernde Harpyie, die 
in der prächtigen Bar 
als anständige Dame 
auftritt, die höchstens 
einmal in der Sekt 
laune ein kleines 
Abenteuer „goutie 
ren“ würde und mit 
dem Portier düsterer 
Häuser in Verbin 
dung steht, der dem 
ermüdeten Schäfer 
durch ein Loch in der 
Wand Chloroform 
unter die Nase hält.
        
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