Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

23 
Lichter aus - Messer raus! 
Zeichnungen von Godaf. 
D ie gute alte Verbrecherzeit in Berlin ist in den 
Ungeheuern Katarakten der letzten Jahre und 
Zeiten auch mit hinweggeschwemmt worden, und 
ein neues entschlosseneres Geschlecht hat das blutige 
und gefährliche Erbe angetreten. Doch alle falsche 
Poesie beiseite, gemütlich war es nie und es ist mir 
nie leichtgefalien, jene Asphodelossümpfe Berlins auf 
zusuchen. Sümpfe waren es bestimmt, aber Lilien ent 
sprossen ihnen nicht, wie das die Dichter bisweilen 
mit ihrem „zweiten Gesicht“ gesehen haben wollen. 
Das Polizeipräsidium bot mir an, mit einer Patrouille 
mitzugehen. „Warum?“ — fragte ich. Weil es stets 
einige Desperantissimi unter ihnen gibt, die einem ver 
dächtigen Fremden mit Vergnügen einen Stahlstich ver 
setzen.“ Ich ging allein und machte mich „unverdäch 
tig.“ Der Nachtkälte zum Trotz fiel der Mantel weg 
dafür eine braun wollene Weste, kein Kragen, Luden, 
mutze und los. Der erste Erfolg war mir schon auf 
dem Omnibus beschert, wo eine Dame den Platz neben 
mir schleunigst räumte, ln der Nähe der Weiden- 
dammer Brücke schleifte ich ein in das untergesetzüchc 
Berlin. Ich fragte einen Beamten, wo es in seinem 
Revier eine Kaschemme gäbe. Er war ein Krösus an 
solchen, „ln meinem Revier gibts nur Verbrecherlokale.“ 
So einfach ist es heute nicht mehr. Die Verhältnisse 
sind komplizierter geworden, die Verbrecher zahlreicher, 
ihr Tempo taylorisierter, die Schlupfwinkel haben sich 
vermehrt, das Leben hat nur noch Papiermarkwert 
gegen den früheren Goldwert. Ein Expressionist würde 
geballtere Energie feststellen. Die nie vorhanden ge 
wesene Gemütlichkeit ist hin. Aus dem Detailhandel, 
den früher die Kriminalpatrouillen betrieben, ist ein 
Engrosgeschäft geworden. Die Ware wird nicht mehr 
einzeln oder zu Paaren abgeführt, sondern in ganzen 
Autokolonnen verladen. Nicht mehr sieht man jedem 
an, ob er das ist, was er nicht scheint. Die hohe 
Politik spielt in das Milieu hinein. Die Einwanderung 
mischt verdächtig aussehende aber harmlose Silhouetten 
unter tadellos gekleidete, aber bösartige Personen. 
Einfache schlichte Nepplokale mit Nachtvergnügen, 
Kokainhöhien, Bouillonkeller, Schieberlokale, das alles 
schwimmt in der schlechten Beleuchtung mit ungewissen 
Umrissen dahin. Wohl dem, der da einen Bädeckt-r 
hat, — 
Also hinein in eine der abendländischen Spelunken 1 
Ein Grammophon markiert harmlose Spießerfreuden. 
In einem dunklen Seitenraum wird getuschelt. Eine matte 
Lampe, die ihre Leuchtkraft bestimmt nicht aus Golpa 
bezieht, hängt an der Decke und ihr trüber Schein 
bohrt sich wie ein Keil in den Nacken dreier Männer, 
die einem Spielchen obliegen. Auch eine Dame ist 
dabei; sie sehnt sich nach den Männern, die einer 
Leidenschaft fröhnen, bei der für sie nicht genug ab 
fällt. Sie erhascht meinen Seitenblick und müllert mit 
den Beinen nach oben. Die Kavaliere lächeln. Ich 
mache ein Dallesgesicht und alles echte Gefühl schwindet
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.