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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

Von H e ry G/aessner 
Behaglicher Raum; zur Hälfte Wohn-, zur Hälfte Schlafzimmer. An der Wand ein Pianino, daran lehnt ein Violoncello. Über 
der Armlehne des Sorgenstuhles hängt ein Mädchenmantel. darauf eine Mappe mit der Aufschrift „Musik“; auf dem Boden vor 
dem Stuhl ein rotes MUtzchen. 
Das unschuldige Mädel. 
Der Herr. 
Der Herr (faßt das junge Mädel, das sich vor 
einem kleinen Wandspiegel das Haar geordnet hat, 
bei der Hand und führt es zur Chaiselongue): So, 
liebes Fräulein — jct?t setzen Sie sich hübsch brav 
aut den Diwan, mitten in die weichen Kissen und 
machen sich’s recht bequem! (Er drückt sic sanft 
nieder.) 
Das unschuldige Mädel: Ich stye aber gar nicht 
gern so weich — lassen Sie midi lieber auf diesen 
Stuhl se(icn; (sic ordnet sich die Kissen) und übrigens 
bin ich nur mifgekommen, um ein wenig Klavier zu 
spielen! Wenn Sic Ihr Wort nicht halten, so gehe ich 
augenblicklich wieder fort! 
Der Herr (sdicnkf Tee ein, nimmt dann an der 
anderen Seite des Tisches P!a£; dann begütigend 
lächelnd): Aber liebe Kleine 
(eifrig) übrigens, 
Sic haben mir doch unter 
wegs versprochen,mir Ihren 
Vornamen zu verraten! 
Das unschuldige Mädel 
(schelmisch); Raten Sic 
mal 
Der Herr: Gern — aber 
Sic müssen mir zumindest 
den ersten Buchstaben 
nennen. 
Das unschuldige Mädel 
(hat einen Apfel vom Tisch 
genommen und beißt ihn 
herzhaft an). 
Der Herr: Eva! 
Das unschuldige Mädel 
(macht betroffene Augen); 
20 
Woher wissen Sie das!? — Eigentlich heiße ich Eve- 
linc, aber zu Hause nennt man mich nur „Evchen“. 
Der Herr (verträumt): Evchen! wie süß das 
klingt! — Es ist eigentlich schade, daß man Sie zu 
Hause so nennt! 
Das unschuldige Mädel: Das verstehe ich nicht! 
Der Herr (schmeichelnd): Es fiel mir gerade ein, 
wie schön es gewesen wäre, wenn ich Ihr blondes 
Köpfchen in meine beiden Hände genommen und als 
der Erste ganz dicht an Ihren roten Lippen geflüstert 
hätte; „Evchen! . . Du!" 
Das unschuldige Mädel (mit leicht geröteten 
Wangen): Wie schön Sie sprechen können! (Lehnt 
den Kopf zurück und öffnet leise die Lippen.) 
Der Herr (erhebt sich, gehl langsam um den Tisch, 
neigt sich über das un 
schuldige Mädchen, will ihr 
seinen Arm um die Schulter 
legen). 
DasunschuldigcMädel 
(erhebt sich brüsk, drängt 
den Herrn mit Ungestüm 
von sich): Bitte geben Sic 
mir sofort meinen Mantel! 
Der Herr (zerknirscht): 
Verzeihen Sic mir, Evchen! 
Ich war nochganz im Banne 
meinerTräume!(Er setzt sich 
wieder auf seinen Stuhl.) 
Das unschuldige Mädel 
(abwehrend): Ich weiß 
schon, Sic denken schlecht 
von mir, weil ich mit Ihnen 
auf Ihr Zimmer ging!
        
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