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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Pfauderei von G. A. K u fj n e, Düssefdorf 
I N dem gemütlichen, warmen Herrenzimmer prangt 
unter einer traulich schimmernden Stofflampe der von 
Junggesellenhand liebevoll gedeckte Tisch. Langstie 
lige Chrysanthemen ragen aus hohen Vasen. Inmitten 
auserlesener Delikatessen steht alter Burgunder. Der 
Allerweltsschwerenöter Dr. Hesselbein hat Besuch — an 
zwei Abenden der Woche erfüllt die junge und char 
mante Frau, die von ihrem Manne nicht verstanden wird, 
diesen verschwiegenen Raum mit ihrer sprudelnden 
Lebensfreude. Wenn ein Ehemann seine Frau zur 
Langenweile erzieht, freut sich der Dritte. 
In einschläfernder Melodie trommelt der Nachtwind dicke 
Regentropfen gegen die Scheiben. Einsam in der Ecke 
steht der Ofen, dessen Liebesgluten mitteilsam durch 
den roten Eisenmantel dringen, Duftige, blaue Ziga 
rettenwolken weben bunte Träume um zwei wunsch 
erfüllte Menschen, in deren Herzen das Lied jauchzender 
Seligkeit erklingt... In unschicklicher Taktlosigkeit zer 
reißt die Hausglocke plötzlich mit schrillemTone die köst 
liche Stimmung. Herzlos greift die Ernüchterung um sich. 
„So eine Gemeinheit“, platzt Dr. Hesselbein aus.— 
Die Dame greift ängstlich nach ihrem pochenden Herzen: 
„Wer kann so spät noch kommen? Ein Unheil wartet 
vor der Tür.“ — „Keine Furcht, mein Lieb, gewiß nur 
ein Tölpel von Patient.“ Aeugt durchs Schlüsselloch: 
„Da steht dein Mann ..." — „Mein Mann, wie kommt 
der hierher? Himmel wir sind entdeckt. Was nun?“ 
Die kleine, temperamentvolle Frau rennt nervös durchs 
Zimmer. — „Die Sache wird interessant.“ — „Du 
spottest noch?“ — 
Lang und eindringlich ertönt 
wieder die Glocke. 
„Keinesfalls dürfen wir meinen 
Mann herein lassen.“ — „Und 
wenn er nach Hause geht, du 
bist nicht da?“ — „Entsetzlich.“ 
— „Also müssen wir versuchen 
ihn hierzubehalten. Geh bitte ins 
Zimmer nebenan und warte. Ver 
lasse dich auf mich.“^ 
Gelassen öffnet Dr. Hesselbein 
die Tür. 
„Herr Geheimrat, was ver 
schafft mir noch die hohe Ehre?“ 
„Gottlob, ich sah bei Ihnen 
noch Licht, Herr Doktor . . . ver 
zeihen Sie, wenn ich störe .. . die 
vielen Aufsichtsratssitzungen . . . 
die langen Nächte . . . mein Herz ist nicht mehr stark 
genug . . . Sie wissen, bitte, geben Sie mir eine 
Kampferspritze . . .“ Der alte Herr sinkt ermattet in 
einen Sessel. 
Der Spezialarzt atmet erleichtert auf und holt schnell 
die Instrumente herbei. Nach einer Weile fühlt der 
Patient sich wohler. 
„Das Leben ist eine Kette von Pflichten —“ 
„Das ist ein großer Selbstbetrug — früher oder später 
kommt die Reue.“ 
Der Pflichtmensch fährt erschrocken auf; „Ich sehe, 
Sie haben Besuch — bedauere unendlich, daß ich Ihren 
schönen Abend so unangenehm unterbrechen mußte. 
Werde sogleich wieder gehen.“ 
„Im Gegenteil, Herr Geheimrat, mein Gewissen ver 
bietet es mir, Sie so gehen zu lassen. Indem Sie sich 
ein Stündchen der Ruhe gönnen, erweisen Sie mir die 
Gunst Ihrer Gesellschaft. In der Tat, ich habe Besuch, 
eine hüsche, junge Frau, deren Mann ein großer Esel 
ist, erhofft bei mir den Trank der Vergessenheit. Es 
ist heute etwas spät geworden und die Dame muß, 
bevor ihr Gatte heimkehrt, zu Hause sein.“ 
„Gibt es denn wirklich solche Frauen?“ 
„Man hat Ehemänner, die über ihre Arbeit vergessen, 
daß sie eine liebe Frau besitzen. Wen trifft da die 
größere Schuld? Und nun entschuldigen Sie mich, bitte, 
einen Augenblick, damit ich die Dame hinaus geleite.“ 
Mitlerweile macht es sich der Geheimrat auf dem 
Diwan sehr bequem. 
Schmunzelnd kehrt der gewis 
senlose Teufelskerl zurück und 
läßt sich neben dem Ahnungs 
losen in einem Sessel nieder. 
Bei einem Gläschen Burgunder 
verplaudern sie ein angeregtes 
Stündchen — doch das Thema 
über die Treulosigkeit der Frauen 
ist unerschöpflich. Zufrieden lä 
chelnd meint der gutmütige Narr 
bei seinem Fortgang: „Ja, ja, die 
Frauen sind unberechenbar. Wie 
glücklich ich mich fühle, unbesorgt 
sein zu können; wenn ich heim 
kehre, liegt mein liebes Weib 
längst in süßer Ruh.“ 
„Herr Geheimrat, das glaub ich 
ganz gewiß . . .“
        
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