Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

16 
I hrer werten Gesundheit we 
gen? Ach ja — auch das 
kommt vor! In den Spczial- 
bädern wie Karlsbad, Oyn- 
hausen, Franzensbad mag es 
sogar die Regel sein. Die Leut 
chen mein’ ich nicht — ich wün 
sche ihnen von Herzen volle 
Genesung! Aber die andern, 
die eben nicht aus gesundheit 
lichen Gründen fortgehen — 
die möcht’ ich mir mal genauer 
angucken! 
Stellen wir uns mal fünf 
Minuten auf die große Strand 
promenade inHeringsdorf. Sehn 
Sie den jungen Mann dort? Sieht er von weitem nicht blendend 
aus? Die weißen Hosen sitzen zwar im Schritt ein bischen eng 
und neigen im Knie zum Ausbeulen? Nun ja, vielleicht sind sie 
„von der Stange!“ Das blaue Jackett ist es sogar bestimmt! Und 
jetzt, wo er näher ran kommt, fallen Ihnen die Hände auf — die 
Nägel glänzen so merkwürdig frisch manikürt und passen so gar 
nicht zu den roten, dicken Fingern? Und Sie würden zum dunkel 
blauen Jackett nicht ausgerechnet einen smaragdgrünen Schlips 
tragen? Wie, Sie kennen den Herrn vom Sehen? ln der Kur 
liste steht er als Baron Teuffen, Oberleutnant der Landwehrkavallerie 
a. D.? Nun, lieber Freund, ich hab’ mir für ein paar Stunden vom 
Teufel Asmodi die Kraft geliehen, die Dächer über menschlichen 
Herzen abzuheben und in die Schlafzimmer ihrer Seelen zu schauen. 
Der Baron Teuffen ist im Zivilberuf Verkäufer bei Hermann Engel 
in der Landsberger Allee. Er klotzte vor vier Wochen einen Hun 
derter auf den krassesten Outsider, der raus war, und es gab sieben 
hundert für zehn! Davon spielt er jetzt Gent, Baron, Gardeleutnant. 
Aber, Hand aufs Herz: machts uns nicht fast noch mehr Spaß als ihm ? 
Dort drüben der dicke junge Herr mit dem leisen melancholischen 
Embonpoint? Den kennen Sie auch? Ein reicher Börsenjüngling, 
der sich von den verdienten Millionen hier wenigstens einen be 
scheidenen Bruchteil vom Halse schaffen will! Du ahnst es nicht! 
Die Millionen sind voriges Jahr ein paar hunderttausend gewesen, 
und der Jüngling hier ist in vier Wochen pleite, wenn er nicht eine 
riesige, fette, gesunde Mitgift schnappt! Zu welchem Zwecke einzig 
und allein er sich hierher begab! 
Kommen Sie ein Stückchen näher, lieber Parzival, da können 
Sie, dort in der hübschen Konditorei, gleich für den Börsenknaben 
ausserordentlich geeignete Objekte bewundern! Ihre Menschenkennt 
nis ist bewunderungswürdig: diese jungen Damen haben noch vor 
drei Jahren in der Münzstraße Hüte oder Korsetts verkauft. Aber 
inzwischen hat ja Papa sooo viel Geld verdient. Und es sooo 
glücklich angelegt, daß der geteukteste Steuergeheimrat nicht ran 
kann! Und nun suchen die Jungfrauen — hm, hm, jawohl, ich bin 
etwas erkältet — einen Gatten aus den „höheren Kreisen“, der 
Verständnis hat für ihr Geld und für ihre Bedürfnisse. Nicht nur 
für die materiellen, dafür sorgt 
die Mitgift. Nein, für die see 
lischen auch, für das Bedürfnis, 
sich auszuleben, und neben dem 
Hauptgott noch zu ein paar 
dicken Götzen zu beten. To 
lerant muß er sein, dem sie 
die Hand, das Herz und das 
Scheckbuch reichen! 
Die junge Dame dahinten 
gefällt Ihnen am besten? Die so 
allein sitzt, mit der Lorgnette 
spielt und offenbar auf Noras 
Wunder wartet? Nein, die ist 
nicht mehr zu haben — die hat 
schon! Einen dicken, fetten, 
fröhlichen Gatten Mitte der Vierziger. Die ist verreist, um ihn mal 
loszuwerden. Und trifft sich hier, wie Sie gleich sehen werden, 
mit dem schlanken Zigeunerprimas aus der Kolibribar, der sie zu 
trösten weiß über die Fettleibigkeit ihres Eheherrn! 
Sie wollen noch mehr Typen kennenlernen, die gern verreisen? 
Da draußen der funkelnagelneue Benzwagen? Vier Herren, hoch 
elegant, mit etwas verwitterten Gesichtern. Bitte, diese Herren 
reisen in Geschäften! Die haben hier eine wundervolle Villa gemietet. 
Das dicke Paket, das der Kleine unterm Arm hat, das sind Ein 
ladungen an Badegäste zu einem gemütlichen Besuch in der Villa- 
In deren Speisesaal steht, ganz zufällig, so mehr dort vergessen, 
ein grüner Tisch. Und auf ihm ein kleiner, vergessener Bakkarat- 
schlitten. Nun, die werden zu tun bekommen! ln Bädern ist die 
Polizei nicht so, und die Herren Spieler sind ja keine Kommunisten, 
daß Herr Weißmann gleich so scharf durchgreifen müßte. 
Das Ehepaar dort, vorn am Strand? Sehr gut angezogen, aber 
mit einem ganz, ganz leichten, kaum spürbaren Hauche des Ver 
falls an sich? Reiche Leute aus der Vorkriegszeit, dies heute nicht 
mehr sind. Die nur noch für den Nimbus leben, für die Illusion, 
daß sich nichts geändert habe. Sie müssen jeden Sommer in ein 
elegantes Bad, denn sonst könnte „man“ glauben, sie seien nicht 
mehr, die sie waren, sie seien heruntergekommen! Daß sie in der 
billigsten Pension in einem elenden Loch hausen, daß sie sich Früh 
stück und Kaffee selbst zubereiten — das sieht ja niemand. In Berlin 
können sie beruhigt erzählen, „diesen Sommer in Heringsdorf ,..“ 
Und so, lieber Freund, gibts noch so viele! Wells schick ist, weils 
Neumanns und Cohns auch tun, weil man mal was anderes sehn 
möchte, weil — weil — . Wer zu seiner Erholung reist, der geht 
entweder in die Spezialkurbäder oder irgendwo an ein stilles Plätzchen, 
wo er aufatmen kann und zu sich selbst kommt. Oder wer gar 
um der schönen Landschaft willen reist — na, so ein halb Prozent aller 
Reisenden dürfte es sein — der flieht die großen Badeorte erst recht. 
Und darum, lieber Freund: wenn Sie ein Humorist sind, ein Kerl, der 
seine Freude hat am Jahrmarkt der Eitelkeiten, dann gibts für Sie 
keine schönere Jagdgegend als die großen Modebäder. Hier finden 
Sie alles, was Sie brauchen! Vigo
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.