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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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DAS KLEID DES GRÜNEN RASENS 
Kritische Betrachtung anläßlich des Mode=Ronnens. 
Modelt; Gerson=Prager=HausdorJf. 
Phot.: Sotidan. 
as Moderennen auf 
der schönen Grune- 
waldrennbahn sollte 
den Damen der Gesellschaft 
die Richtlinien der neuesten 
Schöpfungen der launi 
schen Frau Mode geben. 
Wenn sich die Tore zum 
grünenRascn öffnen,beginnt 
auch das Defilieren der Kleider, 
die sich besonders gut für den 
Aufenthalt auf den Brettern, die 
die Rennwclt bedeuten, eignen, 
und wenn man heute von einem 
Kleid des grünen Rasenssprechen 
kann, so stellen wir mit Genug 
tuung fest, daß Berlin in der Be 
ziehung hinter keiner anderen 
ausländischen Großstadt mehr 
zurückzustehen braucht. 
Das Kleid des grünen Rasens 
ist zu Beginn der Renn 
saison natürlich ein an- 
deresals später, woesmit 
dem Blau des Himmels, 
der gelben Sonne und 
dem saftigen Giftgrün 
des natürlichen Teppichs, 
der den Erdboden bedeckt, in harmonischen Farbcn- 
einklang gebracht wird. Vorläufig ist es noch das 
herrenmäßig geschnittene und auf Taille gearbeitete 
Schneiderkleid, mit langer, nach unten zu glocken 
förmig erweiterter Jacke, die ein kurzes Stück des 
etwas länger und weiter werdenden 
Rockes freigibt. Eine ganz aus 
gesprochene Vorliebe macht 
sich für die sogenannten rö 
mischen Streifen bemerk 
bar, die in ihren grellen 
farbigen Tönen und ihrer 
längs, quer, zackig und 
flach angeordneten Ver 
arbeitung ein amüsant 
wirkendes, lebhaftes 
Ganzes bilden. Der ori 
ginelle Pagodenärmel 
verleiht dem Anzug den 
etwas asiatisch anmuten 
den Einschlag, der für die 
heutige Mode charakte 
ristisch ist und sich auch 
in den Käpjäckchen mit 
großen, flach aufgestick- 
ten japanischen Blumen 
zu erkennen gibt. Die Far 
benfreudigkeit, die schon 
jetzt beim Rennkleid zum 
Ausdruck kommt, — sei 
es im Besatz leuchtender 
Silber- und Goldtressen 
oder krasser,auf dieHütc 
aufgeklatschter Blumen 
Modal: Gerson-Prager-HausdorJ}. - Wird Hl it dem VOrwärtS- 
Phot.: Girche. schreiten der Jahreszeit 
natürlich entsprechend zu- 
nehmen. Das Wasser läuft 
einem schon jetzt beim An 
blick all der roten Kirschen, 
rosigenPfirsiche, blauen und 
grünen Weintraubenzusam- 
men, die da an den feinen 
kleinen Ohren herabhängen. 
Am liebsten möchte man hinein 
beißen — in die Früchte nämlich! 
Neben dem ausgesprochenen 
Schneiderkleid behauptet sich in 
den Logen und auf den Tri 
bünen der Rennplä^e stets das 
Nachmittagskleid, dem man 
die Daseinsberechtigung auch 
unter freiem Himmel, wo es 
sich bei kühler Witterung unter 
einem weiten Käpmanfel ver 
birgt, um so weniger abspre 
chen darf, als es nachher, befreit 
von der beengenden Hülle im 
geschlossenen Raum bei der 
dampfenden Tasse Tee sehr 
elegant wirkt, ln diesem Früh 
jahr tobt sich nun die geniale 
Phantasie unserer Mode- Modelt: Gason-pragcr-ii aU sdorß. 
Schöpfer gerade in diesen Ge- Pho, - : Landau. 
wändern aus. Das ist ein Raffen und Heben heterogener 
Stoffe — Cheviot und Krepp de Chine, Tuch und 
Krepp Georgette, Foulard und Samt — ein Aufsetzen 
von Volants, Rüschen und Bändern, Blenden, Tressen, 
Litzen, Franzen, ein Zusammenknüllen von Stoffballen, 
dem auf der entgegenge 
setzten Seite ein wasserfall- 
artigesAuseinanderstreben 
entspricht, ein so bestän 
diges Ein- und Aus 
wickelspiel, daß das 
Laienauge überhaupt 
nicht mehr erkennen 
kann, von welcher 
Seite eine moderne Frau zu- 
und von welcher sie auf 
geknöpft wird. Wie viele 
Männer würden heute durch 
das einst so berühmte und 
verhältnismäßig leicht auszu- 
führende; „Männe, hak’ mir 
mal die Taille auf!“ in Ver 
legenheit gesetzt werden! 
Auch der spanische Ein 
schlag, dem die Mode huldigt, 
verleugnet sich nicht beim 
Rennkleid. Da sind es be 
sonders die Käps, Schärpen 
und lang herabwallenden 
Spitzenschleier, die die Er 
innerung an die Schönen von 
Madrid und Sevilla herauf 
beschwören. Denn gerade 
dicserSpitzenschleicr gibi dem 
Antlitz das gewisse Etwas, Modelt; Gerson=Prager-Hausdorß. 
den bestechenden Rahmen, der Phot.: Sandau.
        
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