Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

Abendkleid aus Goldbrokat in 3 Phasen gesteckt. 
I CH hatte midi mit meiner Freundin gezankt. Oder vielmehr 
s i e hatte sich mit mir gezankt. Das kam zwar sehr selten vor, 
dank meiner Galanterie, aber mit präzisester Pünktlichkeit trat 
dieser Fall jedes Jahr bei Beginn einer neuen Saison ein. »Ich habe 
wirklich nidits anzuziehen«, sagt sie dann mit einem Ion, der eigent 
lich keinen Widerspruch aufkommen läßt. Manchmal wage ich zwar 
schüchtern zu bemerken, daß sie sich meinetwegen deshalb nicht in Un 
kosten stürzen brauche (für mein schwer erschobenes Geld) aber 
schließlich kann sic doch nicht —, schon von wegen der Leute. Also 
gestern war es wieder so weit. Ich lehnte die Vergrößerung ihres 
Trousseaux rundweg ab, und sie — schmollte. Nun kann ich keine 
Frau schmollen sehen, und infolgedessen stützte ich mein weises Haupt 
in die Hände und vertiefte mich in den Stand meiner Valuta. 
Österreichische Kronen und polnisdie Mark sind nidits dagegen. Mein 
Sdieckbudi hatte zwar noch viele unbesdiriebene Blätter, aber mein 
Konto erwies sich bei Prüfung weniger volumiös als das Budi. Wäh 
rend idi noch über den Büchern sitje, kommt meine Freundin zu mir ins 
Zimmer, legt mir eine Rechnung auf den Tisch und weist wortlos auf ein 
Inserat. »DerWienerModezeidinerLadislausCzettel zeigt in derKIcin- 
kunstbühne Potpourri selbstgesteckte, sogenannte Stecknadelkleider.« 
Ich konnte mir, offen gesagt, nichts darunter vorstellen und sagte, sdion 
interessiert: »Ja und Amen«, als meine Freundin mir sagt: Da gehen 
wir abends hin. Eine Widerrede hätte doch nidits genügt. 
Fieberhaft erwartete meine Freundin am Abend den ersehnten 
Moment. Und ich war schon halb versöhnt, als sic mir einige An 
deutungen machte, daß dieses Mal ihre Garderobe ^ielleidit nicht so 
viel kosten würde. Endlidi kam Herr Czettel. Auf der Bühne er, 
einige Haufen Seidenstoffe, Samt und anderes mehr. Und dann 
einigeMannequins. Im Moment interessierten mich dieseDamen mehr 
als alles andere, zumal sie in entzückenden Unterhösdien waren, aber 
meine Freundin brachte diesem Interesse nidit das nötige Verständnis 
entgegen und stieß mich ein paar Mal heftig in die Seite. Ich dadite 
sdion, sie hätte vorsichtshalber einen kleinen Vorrat an Stecknadeln 
mitgenommen. Dann zeigte Herr Czettel seine Künste. 
Und ich muß sagen, idi war ehrlidi erstaunt. Aus ein paar Seiden 
resten und etwas Brokat und Tüll als Ergänzung steckte er mit 
zauberhafter Sdmelligkeit Abendkleider, Tanzkleider, Teagowns und 
Abendmäntel. Und so verblüffend gut, daß man an die schnelle 
Vergänglichkeit dieser Kleider gar nicht glauben wollte. Und dabei 
berücksiditigte er alle modisdien Forderungen. Sowohl was die 
Form der Röcke oder die Linie der Mäntel oder die Fnrbcn- 
kombination betraf. 
Meine Freundin war ganz begeistert und wollte sich gleich ein 
Kleid stecken lassen. Aber das ging nidit — der Unterhöschen 
wegen. Immerhin sah ich, daß sich hier neue Möglidikeiten er 
geben. Ich werde mit dein Herrn einmal spredien, vielleidit ent- 
SC ^j C ^ er s ' c ^> me 'ner Freundin jeden Tag ein anderes Kleid zu 
stecken. Oder er solls mir wenigstens zeigen. Auf jeden pall habe 
ich die gesteckten Kleider photographieren lassen. 
kind dann haben diese Stecknadelkleider noch einen riesigen 
Vorteil. Meine preundin in u ß mir treu bleiben. Sonst piekt es 
und dann sehe ich es ja abends, wenn — — Hanns Looser. 
Das Stecknadetkleid 
Photos: Binder. 
Beim 
Stecken 
eines tea 
gowns aus 
silbergrauem 
Samt. 
Herr Czettel 
als Friseur. 
9
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.