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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Skizze von Tr. W. v. O esteren. 
A/ va Söllnitz betrachtete sich, ehe sie das Haus 
/- 0 verließ, noch ein letztes Mal sorgfältig vor dem 
großen Ankleidespiegel. Sie sah wirklich blendend 
aus in diesem Brust und Nacken nur wenig deckenden, 
fast überschicken Abendkleid; die Frisur war tadellos. 
Da und dort hatte sie ihrer Schönheit geschickt nach 
geholfen, dies verwischt, jenes zu größerer Wirkung 
gebracht. Sie konnte sich heute getrost um zehn Jahre 
jünger ausgeben, als sie in Wirklichkeit war. 
Mit einem kleinen, etwas wehmütigen Lächeln trennte 
sie sich von ihrem Spiegelbild. Wozu das alles? Hatte 
je schon eine Frau um eines solchen Zweckes willen 
sich verführerisch schön gemacht? Selbstlose Tollheit, 
ein Freundschaftsopfer von seltener Größe war, was sie 
tat und tun wollte. Und wenn es fehlschlug? 
„Sie wissen, daß Frau Driesen dann kommt, und 
was Sie zu tun haben“, sagte sie dem Stubenmädchen, 
die ihr die Wohnungstür öffnete. 
„Zu dienen, gnädige Frau. Wird alles besorgt." 
„Sie gehen also, wenn Frau Driesen nichts mehr 
von Ihnen braucht, schlafen. Adieu!“ 
ln den großen Ballsaal eingetreten, sah sie sich sofort 
nach Rudi Driesen um und hatte ihn bald erspäht. 
Er stand ganz allein in einer Ecke und sah aus Augen, 
in denen kein Funken Festfreude und Lebenslust brannte, 
berührte, fuhr er wie aus einem schweren Traum auf 
und starrte sie einen Herzschlag lang gedankenlos an, 
bis er sie erkannte. 
„Sie, Eva?“ Er bot ihr den Arm. 
„Haben Sie mich denn nicht erwartet, Rudi?“ fragte 
sie mit leichtem Staunen. 
„Doch, doch. Nur — Sie haben so lange auf sich 
warten lassen, daß ich schon dachte, Sie hätten sichs 
anders überlegt. Und — mir kamen lauter schwere, 
trübe Gedanken und — —“ 
Sie preßte sich enger an ihn. „Darüber schweigen! 
Jetzt bin ich da. Es hat etwas länger gedauert, weil 
ich mich für Sie und grade für diesen Abend besonders 
schön machen wollte.“ Ein koketter, alles verheißender 
Blick suchte und traf den seinen. „Ist es mir gelungen?“ 
Er sah die an seiner Seite Schreitende prüfend an. 
„Sie sind schön, Eva“, sagten seine Blicke und Lippen. 
Aber es sprach kein Begehren mit. 
, Eva biß sich auf die Lippen. Würde es mißlingen? 
„Ich habe Durst. Ich — mir ist heiß und 
trinken wir!“ Sie steuerte ihn einem abseits gelegenen 
Tischchen zu, blieb aber knapp davor zögernd stehen. 
„Nun? wir wollen doch trinken?“ fragte er. 
„Ja, aber nicht hier, Rudi. Es ist besser, wenn niemand 
zuhört. Was wir einander zu sagen haben, ist doch “ 
Sie fühlte seinen Arm heftig zucken, 
sah in seinen Mienen leidenschaftliche 
Erregung aufblitzen und schwieg. 
„Eva, nichts mehr über sie! Sie 
haben in diesen Monaten genug und 
mehr als genug von ihr und für sie 
zu sprechen versucht und gesprochen. 
Nichts mehr über sie! Heute nichts. 
Sie haben mir versprochen, das Un 
widerrufliche mit keinem Wort zu 
streifen. Das war und bleibt die 
Bedingung dieses Abends.“ 
mit gekreuzten Armen dem Treiben 
zu. Ihr Herz schlug, und eine kleine 
Falte grub sich zwischen ihre Brauen. 
Bei einem Mann in solcher Stimmung 
die Aufgabe vollbringen, die sie selbst 
sich gestellt hatte und deren Lösung 
für ihr weibliches Schönheitsbewußt 
sein Ehrensache geworden war, — 
das würde nicht leicht sein. 
Er sah sie gar nicht kommen, wußte 
nichts davon, daß sie an ihn heran 
getreten war. Erst als sie seinen Arm
        
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