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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

cht Tage ist Fred nun schon mit seiner kleinen 
1 Ilka verheiratet. Acht Tage erst, und dennoch 
ist bei ihnen bereits jene Sphäre der Langeweile, des 
Gewohntseins im Neuen eingetreten. 
Heute weilen sie im Boudoir der schönen llka. Sie 
liegt in Kissen, Spitzen und Zigarettenrauch gehüllt 
auf der Ottomane. Er sitzt daneben im Sessel, bläst 
Ringe und betrachtet langweilig interessiert seine feinen 
Aristokratenhände. Über dem Ganzen liegt eine Wolke 
von Rauch, Parfüm und — 
Schweigen. 
Plötzlich tönt eine Bitte 
von ihr an das Ohr Freds; 
er blickt auf, stutzt, streicht 
sich nervös die beginnende 
Lichtung seiner Haarpracht. 
„Wie meintest du?“ ent 
ringt es sich noch immer 
fassungslos dem Gehege 
seiner Zähne. Und wieder 
tönt es im lieblichsten Zwitscherton. „Ach Fred, 
erzähl mir doch ein Zötchen, ein ganzes kleines, bitte, 
bitte.“ Dazu leuchteten verheißungsvoll aus dunklem 
Grunde ihre eben noch so müden Augen, ihn ganz in 
ihren Bann zwingend. 
Berlin, sondern irgendwo im Gebirge, sagen wir mal im 
Harz. Du bist dort in einer netten Pension abgestiegen, 
die mitten zwischen Wald und Wiesen Hegt. 
Schon morgens, so um zehn, wenn du erwachst, 
schaut die Sonne in dein Fenster, erhebend steigen 
Wandervogelgesänge zu dir empor, kurz, du bist zur 
Natur zurückgekehrt. Zwar hast du auch in diese 
Natur deinen ganzen Apparat von Koffern, Schachteln, 
Plaids usw. mitgeschleppt. Nun ist aber trotzdem 
eines Tages das Entsetz 
liche passiert, deine Wäsche 
ging zur Neige. 
Nach schweren Kämpfen 
hast du dich dazu durch 
gerungen, deine reizenden 
Dessous im Pensionat wa 
schen zu lassen. Lieblich 
flattern sie nun auf der 
Wiese unter deinem Fen 
ster im Winde. Dein erster 
Blick gilt ihnen. Noch sind sie heil und unversehrt, doch 
halt, hilf Himmel, da liegt ja ein Hemdchen im Grase 
und auch ein Höschen hat sich den Wind zunutze gemacht 
und ist auf die umgrenzende Dornenhecke geflattert. 
Wie entsetzlich. Was tun?“ 
„Ein Zötchen, — hm, — ja, sollst du haben“, er 
widert er und denkt verblüfft, wie veredelnd eine Heirat 
doch auf so eine kleine Frau wirkt. „Ein Zötchen, 
weißt d ; denn überhaupt, was das Ist?“ 
„Aber wo werde ich denn“, und schelmisch lachen 
ihm wieder zwei wunderschöne Augen entgegen. 
„Über Freds Antlitz 
zieht ein ironisches Grinsen 
und behaglich sagt er; 
„Gut Kleine, du sollst dein 
Zötchen haben. Paß auf: 
Also Ilkachen, denke 
dir mal, du wärst nicht 
hier in unserm so lieblichen 
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Fragend blickt Fred Ilka an, die bei dem Entsetz 
lichen der geschilderten Lage schon ganz nervös hin 
und her gerutscht ist. 
„Natürlich würde ich gleich hinunterlaufen, das 
Hemdchen aufheben und das Höschen herabnehmen“, 
sprudelt es von ihren Lippen. 
„Siehst du, das ist ein 
Zötchen“, behaglich lä 
chelnd schaut Fred sie an. 
Sie stutzt einen Augen 
blick, denkt nach, — dann 
ein Zurückziehen in die 
Kissen und ein: „Aber 
Fred —
        
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