Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

15 
und Reynolds verblaßten, einen Nelson zu ihren Füßen 
zwang. Begreiflich allerdings auch, daß sie im Elend ge- 
Mrs. Fitzherbert. 
storben ist. Denn da einer Frau gemeinhin, wenn sie 
eben keine Ninon ist, bestenfalls ein Vierteljahrhundert 
Schönheit beschieden ist, bleibt es doch schließlich der 
Geist, die den Körper durch- 
glühendeSeele, die die Frau 
auch über das Grazienalter 
hinaus dem Manne liebens 
wert macht. Ja, es geschieht 
sogar recht häufig, daß solch 
eine Seele einen häßlichen 
oder gar grotesken Leib 
liebenswürdig werden läßt. 
Baudelaire liebte mit un- 
wandelbarerTreue und Lei 
denschaft eine affenhaft, 
scheußliche Mulattin, und 
wenn wir das Bild der 
Missis Fitzherbert, der Mä 
tresse Georgs IV., betrach 
ten, gelangen wir unmittel 
bar zu der Überzeugung, 
daß nicht körperliche Vor 
züge diese Frau zur Beherr 
scherin eines Königs ge 
macht habe. 
Das aber scheint das Ziel, 
die Krönung jedes weibli 
chen Ehrgeizes zu sein: 
einen Gesalbten des Herrn 
sich zuFüßen liegen zu sehen. 
Selten wohl hat eine Frau dieses Glück in solchem Grade 
genossen wie die Dubarry. Geist in jenem edlen 
Sinne wie Ni 
non, besaß 
auch sie wohl 
kaum. Aber 
das, was der 
Gallier Esprit 
nennt — als 
dessen Ver 
körperung 
möchte sie 
der Mitwelt 
und uns er 
schienensein. 
Die gebrech 
liche Grazili 
tät, die ein 
wenig mor- 
bife, gem- 
menhafte 
Feinheit des 
Gesichts 
schnittes und 
der Glieder, 
die sonst nur 
Die Tänzerin Barberini 
letzten Ausläufern uralter Geschlechter 
eigen, sie half dem Bauernkinde zu jener Stellung, die 
Frankreich und damit die Welt des späten achtzehnten 
Jahrhunderts beherrschte. Heute noch, wenn wir an Ro 
koko denken, meinen wir zum starken Teile Dubarry. 
Am reizvollsten — und unbekanntesten — ist die 
Lebensgeschichte jener 
Frau, die einen, wenn auch 
nur kurzdauernden, Einfluß 
auf den unzugänglichsten 
aller Könige gewann: auf 
Friedrich den Großen. 
Trotz des Romanes von 
Adolf Paul und erst recht 
trotz eines Filmes wissen 
wir von der kurzen Episode 
des großen Königs und 
der Tänzerin Barberini so 
gut wie nichts. 
Eins steht fest: sie, wie 
ihre Mitschwestern, leben 
ein starkes Leben in der 
Phantasie der Nachwelt, und 
das bißchen geschichtliche 
Kenntnisse, das manch einer 
und manch eine hat, danken 
sie der Beschäftigung mit 
dem Leben galanter Damen 
derVergangenheit. So daß, 
lieber Herr Oberlehrer, 
auch diese Weiber nicht 
ohne positiven Nutzen ge- 
Lady Hamilton. lebt haben. Vigo.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.