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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Von A n a t o l e France 
I ch'habe heute früh bei N. .ehemaligem Minister des Unterrichts 
und der schönen Künste, gefrühstückt. In dessen Haus verkehrt 
eine glänzende Schar von Malern, Bildhauern, Literaten, Gelehrten, 
Politikern und Weltmännern. 
Mein Tischnachbar war der Älteste der Frühstückstafel, ein durch 
sein Wissen und seine Galanterie berühmter Greis, der Orientalist 
Antonin Furnes, Mitglied der Akademie für alte Geschichte. 
Je weiter die Mahlzeit vorwärtsschritt, je lebhafter und ver 
worrener wurde die Unterhaltung, so daß ich nichts Bedeutendes 
auffangen konnte. Aber nach dem Frühstück, während Antonin 
Furnes den Kaffee schlürfte, erzählte er mir etwas Interessantes 
mit folgenden Worten: 
„Vor 30 Jahren besuchte mich in Paris ein Araber, den ich ein 
Jahr vorher in Mascato kennengelernt hatte, wo ich im Auftrag 
der Regierung gewesen. Er war ein sehr schöner und gelehrter 
Mann. Seine Intelligenz war ziemlich rege, aber gänzlich 
verschlossen, gegen alles, was außerhalb seines Rassengenies lag. 
Der Araber, der mir in seinem Haus in Mascato einen glänzenden 
Empfang bereitet hatte, war der höflichste, diskreteste,formenstrengste 
Mensch, dem man begegnen konnte. Ich sagte Ihnen, daß er Ge 
lehrter war. Er beschäftigte sich vor allem mit Geschichte. Ich 
glaube, er war der kultivierteste Geist in Mascato. Die Philosophie 
beherrschte er ungefähr so weit wie unser Froissart. Ich vergleiche 
ihn gern mit unserem Froissart, weil dieser Araber durch seine 
ritterliche Kindlichkeit unseren Edelleuten des 14. Jahrhunderts 
ähnelte. Er hieß Djeber ben Hamsa. Mit vollendeter Höflichkeit 
erklärte er mir seine Wünsche. Er kam nach Europa, um die abend 
ländischen Sitten zu studieren und begann mit Frankreich, das ihn 
mehr als jede andere Nation interessierte, da es seine Macht und 
seine Gerechtigkeit mit unvergleichlichem Glanz im Orient entfaltet 
hatte. Danach plante er England und Deutschland "Zu besuchen. 
Er wollte die beste Gesellschaft kennen lernen. Und mich bat er 
um die Gunst, ihn in die ersten Salons von Paris einzuführen. 
Ich versprach es ihm gern. Die Pariser Gesellschaft von . damals 
war reizend. Die Erinnerung an das Zusammenleben mit ihr ver 
süßt mir noch heute das Dasein. Sie können sich nicht vorstellen, 
was die Kunst der Unterhaltung in der damaligen Epoche bedeutete. 
Es läßt sich nicht leugnen, daß Djeber ben Hamsa den Genuß 
eines Gespräches mit Herrn Guizot oder Herrn de Remusat, Frau 
X. . . und Frau Y. . . nicht auskosten konnte. Englisch verstand er 
gut. Das Englische ist den Arabern von Oman seit der Niederlassung 
der Engländer in Aden ziemlich vertraut. Aber er verstand nicht zwan 
zig Worte französisch. So führte ich ihn vor allem auf Balle und in 
Konzerte. Man tanzte 
damals viel und konnte 
eine große Zahl wun 
derbar schöner Frauen 
sehen. Ich führte ihn 
zu den glänzendsten 
Bällen der Saison: zu 
Frau X. . ., zu Frau 
Y. . ., zu Frau Z. . . 
Die Schönheit seiner 
Züge, der Ernst seiner 
Haltung, die graziöse 
Bewegung, mit der er 
seine Hand an Kopf 
und Lippen zum Zei 
chen seinerErgebenheit 
führte, die bilderreiche 
Sprache, in der er in 
seiner Zunge seine tiefe 
Dankbai keit ausdrück 
te, was ich der Herrin 
des Hauses nach besten 
Kräften übersetzte , 
kurz,sein ganzesWesen, 
das Fremde und Schöne, flößten Neugier und Interesse, eine Art 
Ehrfurcht und Sympathie ein. Ich verschaffte ihm eine Einladung 
für einen Ball in den Tuilerien. Er wurde dem Kaiser und der 
Kaiserin vorgestellt. Er wunderte sich über nichts. Er äußerte nie 
mals ein Zeichen der Überraschung. Nach sechs Festwochen verließ er 
uns, um das übrige Europa zu besuchen.- 
Ich dachte nicht mehr viel an ihn, als ich fünf oder sechs Jahre 
später eine Reisebeschreibung aus Mascato von ihm erhielt, die er 
mir verehrte. Das in arabischen Buchstaben gedruckte Buch kam aus 
der Presse von Wilson and Son, einer Druckerei in Aden. Ich durch 
blätterte es ziemlich nachlässig in der Voraussetzung, nichts von 
Bedeutung darin zu finden. Ein Kapitel zog dennoch meine Auf 
merksamkeit an. Es war betitelt: „Bälle und Tänze“. Ich las es 
und entdeckte eine ziemlich merkwürdige Stelle, deren Sinn ich 
Ihnen ganz genau wiedergeben werde. Djeber ben Hamsa sagte: 
„Bei den Abendländern und besonders bei den Franken herrscht 
ein Brauch, Feste zu geben, die sie Bälle nennen. Ich will hier 
beschreiben, was sie darunter verstehen. Zunächst machen sie ihre 
Frauen und Mädchen so begehrenswert wie möglich, sie entblößen 
ihre Schultern und Arme, parfümieren ihre Haare und ihre Kleider 
pudern ihre Haut, beladen sie mit Blumen und Schmucksachen, lehren 
sie zu lächeln, auch, wenn sie keine Lust dazu haben, und begeben 
sich dann mit ihnen in helle, warme, mit Kerzen — zahllos wie die 
Sterne — erleuchtete Säle, die mit dicken Teppichen, tiefen Sesseln 
und weichen Kissen ausgestattet sind. Dort trinken sie alkoholische 
Getränke, reden heitere Dinge miteinander und überlassen sich mit 
den Frauen raschen Tänzen, denen ich öfter beigewohnt habe. Dann, 
wenn der Augenblick gekommen, sättigen sie ihre fleischlichen Wünsche 
mit großer Wut, entweder, nachdem die Lichter gelöscht sind, oder 
hinter Vorhängen, die so herabgelassen werden, wie es ihren Plänen 
günstig ist. Und so genießt jeder diejenige, die er erwählt hat, 
oder die ihm bestimmt ist. Ich beschwöre, daß es so ist. Nicht, daß 
ich es mit eigenen Augen gesehen hätte, mein Führer sorgte immer 
dafür, daß ich die Salons vor der Orgie verließ. Aber es wäre 
doch lächerlich und widersinnig, wenn die mitgeteilten Vorbereitungen 
einen andern Zweck haben sollten.“ 
Diese Betrachtung von Djeber ben Hamsa schien mir recht inter- 
essant. ^ Ich teilte sie der Gattin eines Kollegen vom Institut mit, 
der schönen Frau M. . . Da sie nicht sehr aufgebracht darüber schien, 
wollte ich sie durch folgende Frage in Verlegenheit setzen, um eine 
Antwort zu erzwingen: „Nun, gnädige Frau, warum parfümieren 
Sie sich, wie ein Araber sagt, die nackten Schultern, warum beladen 
Sie sich mit Gold und Edelsteinen, und warum tanzen Sie?" Sie blickte 
mich mitleidig an: „Warum?Weil ich zwei heiratsfähigeTöchter habe.“
        
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