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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Die Mode im Aprif 
Von Margarete v. Suttner 
öden im April — April 
moden. Also Scherze? 
Gute oder schlechte? — Beides, 
meine Damen,beides. Nehmen 
Sie sich daher in acht und seien 
Sie auf der Hut, denn wahrlich 
gerade dies Jahr ist es, als 
mache sich die Mode ein bos 
haftes Vergnügen daraus. Sie 
aufs Eis zu führen. 
Aus allenSchaufenstern lachen 
und leuchten ihre Lockungen 
in Gestalt kaskaden 
artig herabfließender 
Stoffe, vielfarbiger Hüte 
und Bänder, aus Vitrinen, 
Schränken und Schach 
teln quillt es bunt hervor 
- gleichsam eine verstoff- 
lichte fontaine lumineuse. 
Und die Menschen 
_ berauschen sich daran, 
Kostüm aus ßeigefarßiger Gaßaraine. j e j c j er _ | e j ( j C r 
In ihren Hirnen hat sich eine unglückselige Idee festgekrallt, 
die sie sobald nicht loslassen wird, die sie betört und 
betrügt; die flammende Farbenpracht, die im Spiele der 
rauschenden, rollenden, rieselnden Fontaine so faszinierend 
ist, die sonnige Wiesen und blühende 
Bäume so verführerisch kleidet, die 
wollen sie auch in ihrer nächsten und 
allernächsten Umgebung sehen. Aber 
sie tun sich selber Unrecht damit. Sie 
paßt nicht zu den staubigen Hoch- und 
Straßenbahnen und Autos, zum staubi 
gen, holperigen Pflaster und grau pati- 
nierten Häusermauern. Anstelle der 
bezaubernden Euphonie, die Mutter 
Natur aus all den vielen vielen Farben 
töpfchen und — Klecksen zu kompo 
nieren versteht, tritt eine jämmerliche 
Kakophonie, wenn die Menschen das 
selbe tun wollen. Es bedarf eben 
immer des einen allgewaltigen Takt 
stockes, sonst spielt ein Jeder das 
Stücklein, das ihm gerade gefällt, und 
es ist kein Wunder, wenn die Sache 
nicht klappt. Deshalb bin ich nicht für 
allzu schwierige Probleme, wo es sich 
um das Zusammenspiel eines Millionen 
orchesters handelt. 
Nur allzuleicht begeht es Taktfehler, 
es greift daneben, Heiteres wird schwer 
fällig und Ernstes zum plumpen, pointen 
losen Witj. So erstand sich neulich 
diese bildhübsche Freundin einen roten 
Hut, feurig leuchtend wie eine Riesen 
mohnblume, zu ihrem frischen Kolorit 
Dunßefßfaues Gnfjardineflicht mit 
getßer Seidenstickerei 
und dem blauen, mit ein 
wenig bunter Stickerei ver 
ziertem Kostüm passend wie 
die Faust aufs Auge, und 
jene andere kam mir gar 
von Kopf bis Fuß orange 
farbig übergossen, und war 
tief gekränkt als ich fragte, 
ob das ein böser Aprilscherz 
sei? Ja, was willst Du nur, 
meinte sie gespreizt, die 
Verkäuferin sagte, es sei 
das neueste Pariser Modell, 
und es sei „vornehm“, alles 
in ein und derselben Farbe 
zu tragen, Kleid, Hut und 
Schleier, Schuhe und 
Strümpfe - — und auch 
das Hemd und die 
Beinmanchetten,ge- 
stattetc ich mir zu 
fragen. Doch Spaß 
beiseite. Nichts sieht 
unglückseliger aus, als eine gleichsam mit einem Schokolade-, 
Kaffee-, Himbeer-, Zucker- oder sonstigem Überguß über 
zogene Frau! Es gibt nur einen einzigen, dessen man nie 
müde wird, und der ist schwarz. 
Aber was vermögen geschmackliche 
Winke gegenüber der Routine einer 
Verkäuferin, die das schwere Geschütz 
ihrer milden Beredsamkeit, gepaart mit 
der suggestiven Macht des Wortes 
„Inaris“ auf eine Kundin einwirken 
läßt. Sie zerfließen wie Butter an der 
Sonne, lassen nicht einmal ein winziges 
bettfleckchen in den Gedanken zurück, 
tatsächlich ist die Macht des „großen 
Bruders Paris" i n der Mode wieder so 
groß, daß er nur auf den Gedanken 
zu verfallen braucht, uns einen bösen 
Streich zu soielen, und etwa einen rosa 
Regenmantel zu lanzieren, oben mit 
himmelblauer Federnrüsche, auf dem 
Kücken mit spitzer Kapuze mit einem 
Glöckchen daran — so etwa wie sie 
ein mittelalterlicher Hofnarr trug - und 
unten mit weißen Fransen, auf daß wir 
auf den bösen Scherz hereinfallen, und 
die weißen Fransen stolz und befriedigt 
a R Pariser Mode durch Ber- 
Eßegantes marineßfaues Gaßardineftßeid mit weiten 
Ar me tu aus Krepp* Georgette mit schwarzen 
Tressen besetzt. 
liner Regenpfütjen schleifen 
würden. Deshalb: Achtung, 
ob die Mode uns nicht narrt. 
Und Achtung auf die Worte 
„Pariser Mode". Nicht alles, 
was blendet, ist Pariser Mode, 
vielmehr Pariser Exportartikel.
        
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