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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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schuldigen Sie, Fräulein, können Sie Foxtrott links 
tanzen?“ 
„Wo werd ich nicht“, sagte Aschenputtel, und da 
gings los. Den ganzen Abend tanzte der Prinz Gustav 
mit ihr Foxtrott linksrum. Wie 
sie nun alle nach Hause gingen, 
sagte der Prinz leise zu ihr: 
„Wollen wir nicht mal ein 
bißchen zusammen ins Cafe 
gehn?“ 
„Ja, das könnte Ihnen so 
passen“, sagte Aschenputtel — 
und heidi, war sie 
auch schon draußen 
und fuhr mit dem 
Feenauto los. Unter 
wegs fragte die Fee, 
wie es ihr gefallen 
hätte. 
„Ach, ganz schön“, 
sagte Aschenputtel — 
„aber Himmel, da fällt 
mir ein, die Bollen 
sind ja noch nicht ge 
schält.“ 
„Da hab du man 
keine Bange“, sagte die Fee, „das habe ich schon vom 
Dienstmann Pelle und den andern Dienstmännern be 
sorgen lassen.“ 
Und so war es auch. Am nächsten Tage ging es 
wieder ganz genau so. Aschenputtel sollte nicht mit 
zum Ball, sie sollte in der Küche bleiben und hundert 
Gänsekleine rupfen und sengen. Aber die Fee kam 
wieder und brachte ihr eine goldene Kluft, die noch 
viel mehr ausgeschnitten war, wie bei allen andern 
Damen. Als sie in den Ballsaal kam, wurde sie gleich 
von der Musik mit chinesischer Tusche empfangen. Sie 
war wieder so fein, daß die Baronsfamilie sie nicht 
erkannte und sie für eine ganz feine Dame aus Pankow 
hielt. Am Schluß vom Ball fragte ihr Prinz Gustav, 
ob sie sich nicht am andern Tage wo treffen könnten. 
„Nein“, sagte Aschenputtel, „ich lasse mich nur vom 
Photographen treffen“ — und heidi, war sie ver 
schwunden. 
Am nächsten Ballabend war es wieder 
dieselbe Geschichte. Die Barons waren 
immer ekliger zu Aschenputtel und 
ließen sie in der Wasserleitung sitzen. 
Da sollte sie Erbsen auslesen, weil 
es am nächsten Tag Pökelfleisch mit 
Erbsen zu Mittag geben sollte — 
da war nämlich grade Donnerstag. 
Als die Barons aber weg waren, 
kam die Fee auf einem Zeppelin an 
geflogen und brachte ihr eine dia 
mantne Kluft mit echten Similibrillanten. Als nun 
Aschenputtel in den Ballsaal kam, ließ Prinz Gustav 
vor ihr alle Damen Parademarsch machen. 
Als der Ball zu Ende war, da lief Prinz Gustav 
ihr nach, aber Aschenputtel lief noch schneller, und 
in der Eile verlor sie ihr Strumpfband. Das nahm 
der Prinz und steckte es ein. 
Am [andern Tage ließ der Prinz bekanntmachen, 
er würde diejenige Berliner Jungfrau 
heiraten, der das Strumpfband paßte. 
Da kamen nun alte und junge Mäd 
chen aufs Schloß und ließen sich 
das Strumpfband anpassen, aber 
es paßte bei keiner. Als nie 
mand mehr kam, ging 
der Prinz in ganz Berlin 
herum, und zuletzt kam 
er auch zu der Barons 
familie. Die erste Toch 
ter hatte sich schon Watte 
in den Strumpf 
gelegt, aber das 
Strumpfband 
ging bei ihr doch 
noch zweimal 
rum, die zweite 
Tochter hatte sich den Strumpf mit einer Radfahr 
luftpumpe aufgepustet, aber das Strumpfband war 
doch noch zu lang. 
Bei dem Strumpfbänder - Ummessen hatte sich 
Prinz Gustav so angestrengt, daß er ganz rot ge 
worden war. 
„Ich weiß nicht“, sagte er, „mir ist so heiß, ent 
schuldigen Sie, ich muß mal ein bißchen in die Küche, 
Wasser trinken gehn.“ 
Als er in die Küche kam, sah er Aschenputtel, er 
kannte sie aber nicht. 
„Entschuldigen Sie, Fräulein“, sagte er, „ich bin 
von der königlichen Vermessungskommission, darf ich 
Ihnen mal das Strumpfband anpassen?“ 
„Ach“, sagte Aschenputtel, „bemühen Sie sich doch 
nicht so.“ 
Da paßte er ihr das Strumpfband an, und 
' * '$//& das sa ® w * e angegossen. Da mußte 
sie gleich mit ihm aufs Standesamt 
kommen. 
So heirateten sie sich und lebten 
sehr glücklich, und schon nach vier 
Wochen hatte Aschenputtel Zwillinge, 
worüber die Baronstöchter vor Neid 
beinahe platzten, und wenn sie 
nicht verhungert sind, dann leben sie 
heute noch.
        
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