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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

Der aestf>epische Schfeier 
Von 
Margarete von Suttner 
n den amerikanischen 
Tingel-Tangeis fing es 
an: Auf schlanken Beinen 
lange Strümpfe und Ko 
lossalstrumpfbänder, auf 
schlanken Hälsen Riesen 
krausen, dazwischen „Kleid 
andeutungen“ und darüber 
Perrücken, die, wenn auch 
nicht elf Pfund schwer, wie 
die eines roi soleil, ihrer 
doch an Größe würdig waren, 
überragt von Kopfputzen ä 
la Wolkenkratzer, das ganze 
verstofflichte Sensation. 
Seither machte die in einem geschäfts- und blufftüchtigen 
amerikanischen Hirn aufgekeimte Idee Schule. Wir sind heute so 
weit, daß jeder Künstler, der Bühnenkostüme zeichnet, weiß, daß 
das Kleid des Kopfes nicht minder wichtig ist, und am Erfolg be 
teiligt, wie das des übrigen Körpers. Diese Auffassung beginnt auch 
ins Privatleben überzugreifen. 
Man fängt also an, zu begreifen, daß die Frau nur dabei ge 
winnen kann, wenn zwischen dem Dekor des Kopfes und dem des 
übrigen Körpers, der oft recht prunk- und charaktervoll ist, ein 
Zusammenhang, oder sagen wir eine gewisse Gleichwertigkeit her 
gestellt wird. 
So verfügen wir denn bereits über eine Fülle reizvoller Kopf 
dekorationen, die sich zumteil — gleich unsern Kleidern — direkt 
an alte Vorbilder anlehnen, ja es gibt sogar auf diesem Gebiet etwas 
nie Dagewesenes. Entstand es nur im Drange Neues zu 
bringen? Ich glaube es nicht. Vielmehr mag ein oft und oft wieder 
holter Wunsch der Frauen als Triebfeder gedient haben, oder es 
gebar der unbewußte Einfluß des Gesetzes der Kompensation dieses 
reizende Modekind, das ich, da doch jedes Kind seinen Namen will, 
„ästhetischer Schleier“ taufe. 
Wie sieht er aus? Was will er? Dort, wo das Gefühl besteht j 
das große Abendkleid sei allzu klein, allzu enthüllend, will er ver 
mittelnd eingreifen. Ach, und wie kokett, wie reizend entledigt 
er sich seiner Aufgabe! So zart, wie es eben nur ein Schleier kann. 
Nicht nach altem Fug und 
Recht von Nackenhöhe herab 
fallend, sondern vom Rande 
diademartiger Kopfschmucke. 
Und endlich: golddurchwirkte 
Seidengaze. Auf dem Hinter 
kopf befestigt, mittels eines 
mit Perlen benähten Reifens 
festgehalten, über den Rücken 
herabfließend eine lange 
Schleppe bildend. Ein 
Schmuck von wahrhaft byzan 
tinischer Pracht. Wer fühlt 
sich ihm gewachsen? Ich 
fürchte, viele, allzu viel Hände 
erheben sich, denn ich wurde äußerst skeptisch, seitdem ich morgens 
um halbzehn Uhr, bewaffnet mit einer Markttasche und Bergstiefeln 
ins Warenhaus fuhr, und neben einem königsblauen Goldbrokat 
turban mit großer weißer Reiherflanke saß (nehmen Sie mirs 
nicht übel, meine Dame, ich verstehe einen Spaß, aber das geht 
dann doch über die Hutschnur!), seitdem ich weiter für zehntausend 
Mark Kronenreiher (es mögen auch fünfzehntausend gewesen sein), 
oberhalb von einem braunen Taftkittel, und Schnürstiefeln mit 
grauem Glacelederschaft (ich bitte Glaceleder!) sah, und derlei 
mehr. 
Wie dem auch sei — man atmet ordentlich erleichtert auf, daß 
man nun auch von der strittigen Angelegenheit des großen Dekolletes 
zu einem Kompromiß gelangte. Wir können zwei Fliegen mit 
einer Klappe schlagen, und Abendtoiletten tragen, deren Taillen 
nur noch aus einem kleinen Brustlatz bestehn, denn in den vom 
Kopfe herabfallenden Schleier können wir uns ausgiebig einhüllen — 
oder doch wenigstens so tun, als ob — — — 
Und damit ist — so sollte man meinen — die Angelegenheit 
zur Zufriedenheit aller geregelt? Keineswegs. Schon machen die 
Moralpfaffen geltend, „der ästhetische Schleier“ hätte bräutliche 
Allüren. Damit haben sie nun allerdings dank des ihnen eigenen 
so liebenswürdigen Talents, gerade das ausfindig gemacht, was 
wir n i eh t hören möchten. Denn diese weise Verschleierung ist 
nichts weniger als eine Mode für Debütantinnen irgendwelcher 
Er legt sich übers Haupt, beschattet ein wenig die Augen, fällt 
hinten lang, lang, vielleicht gar bis auf den Boden herab, nachdem 
er unterwegs vom Gürtel gefesselt wurde. Oder; ein langes Schleier 
ende flattert frei vom Kopfputz herab, um die Trägerin spielerisch 
zu umkosen. Oder noch anders: ein Cape aus hauchdünnen Spitzen. 
Richtung. Sie ist gedacht für rückfällige Bräute, oder gar solche 
aus tausend und einer Nacht, und ein greller Gegensatz die 
Mode lebt von Kontrasten — für Frauen mit jenem legendären 
Etwas der wahren Dame, das zu den heute so vereinzelt da 
stehenden Besitztümern gehört, die man für Geld nicht kaufen kann.
        
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