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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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PARMA VEILCHEN... 
Von Karf Meitner-Meckert 
U m zehn Uhr 
vormittags 
brachtedieZofeder 
bildschönen Frau 
Lovise mit dem 
Frühstück einen 
Riesenstrauß Par 
maveilchen. Dun 
kelviolette Parma 
veilchen. Parma 
veilchen, die so 
bescheiden aus- 
sehen und so tu 
gendrein sind. 
Zu denVeilchen; 
ein kleines Ku 
vert chen. 
Rasch öffnete 
Frau Lovise den 
Umschlag und las 
Namen und Zeilen 
der Visitenkarte. 
„Ich dachte mir’s . . .!“ 
Frau Lovise legte Veilchen und Kuvert, in das sie 
die Visitenkarte wieder barg, neben sich auf das 
blaßrosa Kissen. Dann nahm sie vom Tablett die 
Morgenschokolade. 
„Die Schokolade ist 
untrinkbar heiß! “, schalt 
Frau Lovise ärgerlich 
die bedienende Zofe. 
„Schweig“, Titi!“, rief 
sie im selben Atemzug 
dem kleinen, edelrassi 
gen Rehpintscherfräulein 
zu, das seine Herrin mit 
niedlichem Gekläff und 
possierlichen Sprüngen 
an sein Vorrecht, das 
Frühstück mit ihr zu 
teilen, erinnern wollte. 
Auch bei der Toilette 
zeigte sich Frau Lovise 
nervös: „Nicht die Filet 
strümpfe! Nicht die ge 
stickten! Die Seiden- 
schlitzigen! Nicht das 
erdberfarbige Morgen 
dreß, — das Covercoat- 
trotteur! Sie wissen 
doch, Mary!“ 
Mary, die Zofe wußte 
gar nichts. Sie ahnte 
wohl einen kausalen Zu 
sammenhang zwischen 
der nervösen Laune ihrer 
Gebieterin und dem 
Parmaveilchengruß, und 
schloß mit scharfsinniger 
Zofenlogik weiter, daß 
der Übersender in ganz 
ungewöhnlich hoher 
Gunst bei der bild 
schönen Frau Lovise 
stehen müsse, die 
nicht wie sonst 
gesagt hatte: „Ma 
ry 1 Stellen Sie die 
Blumen irgendwo 
hin!“, sondern die 
kostbare Kristall 
vase verlangt und 
in diese — das war 
noch nicht dage 
wesen! — höchst 
eigenhändig die 
Parmaveilchen ge 
ordnet und auf den 
Boudoirtisch ne 
ben dieLongchaise 
gestellt hatte. Ne 
ben dieLongchaise 
im Boudoir! Im 
Boudoir! Mary 
hatte gehofft, ihre 
Ahnungen durch 
die Visitenkarte im kleinen Kuvertdien erweitern zu 
können. Aber das Kuvertchen wanderte nicht wie 
sonstige Briefschaften in Marys Auskunfsbüro, — den 
Papierkorb, sondern kam in die vornehme Gesellschaft 
eines nach Parmaveilchenparfüm'' duftenden Spitzen- 
taschentüchleins, das bis 
dahin langweilig — ein 
sam in Frau Lovises 
Gold - Platinhandtasche 
gelegen hatte. 
„Den Hut, Mary!“ 
Die Zofe brachte Hut, 
Schleier, Handschuhe, 
Schirm. , 
’ „Komm, Titi!“ 
In der Korridortür 
stieß Frau Lovise mit 
einem elegant geklei 
deten Besucher zu 
sammen: „Anatol — ?!“ 
„Anatol selbst! Ich 
küsse die Hand! Und 
frage: Warum so er 
staunt — erschrocken 
über den Morgenbesuch 
eines guten Freundes?“ 
„Anatol! Begleiten 
Sie mich! Ich will ein 
Geburtstagsgeschenk 
für meinen Gatten be 
sorgen ! “ 
„Sie scherzen, schön 
ste Gnädige! Heute?? 
Es ist Sonntag. Kein 
Laden ist offen — I “ 
„Dann gehe ich zum 
Korso . . .1“ 
„ Es regnet in Strömen. 
Sie holen sich Grippe, 
Lungenentzündung . . ., 
mit ihren niedlichen Ball- 
schühchen kommen wir 
&mn? ragt: das Oberhemd tit$t 
heut tip topl--Jrtja auch von 
Edm.Wünfch 
Herren - Cusftattungeru? 
ßeipzigerttr. lOl -102.
        
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