Path:

Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

16 
heftigem Sträuben, das sie damit begründete, daß 
sic es nicht verantworten könnte, die Filmgesellschaft 
durch ihr Fernbleiben von den Aufnahmen in Ver 
legenheit zu bringen, willigte sie schließlich ein, einen 
Winterkurort aufzusuchen. Aber eine Bedingung 
knüpfte sic daran, daß man ihr gestatten möge, recht 
zeitig zu den späteren Aufnahmen wieder im Atelier er 
scheinen zu dürfen. Aus diesem Grunde bat sie, daßman 
ihr zweiTagevorBeginn derAufnahme ein dringendes 
Telegramm senden möge. 
Was tat Gott? Infolge starker Schneeverwehungen 
kennte sie, trol? rechtzeitigen Aufbruches, nicht zur 
Zeit an ihrer Arbeitsstätte eintreffen, so daß der Ge 
sellschaft durch ihr Fernbleiben große Unkosten ent 
standen. Von diesem Tage an wurde sic beinahe 
schwermütig. Sic faßte eine geniale Idee. Sie en 
gagierte sich einen Sekretär. Dieser mußte ein großes 
Hauptbuch kaufen, in dem er genau Buch über den 
Beginn eines jeden neuen Films und über die Daten 
der Aufnahmetage führte. So ging es dann eine 
Zcitlang ohne jede Unterbrechung. Strebsam und 
fleißig stand sic frisch ausgcschlafen an jedem Morgen 
im Aufnahmeatelicr, lächelte allen freundlich zu, ein 
Bild lieblichster Anmut und Schönheit. 
Aber was tat Gott? Eines Tages, alssie wieder einmal 
im Süden weilte, wohin sie nach anfänglichem Sträuben 
durch den Arzt geschickt wurde, fügte cs eine Ver 
kettung unglücklicher Umstände, daß sich ihre Ankunft 
im Aufnahmcatclier um zwei Tage verspätete. Dies 
wollte ihr schier das Herz zerbrechen. Und um allen 
bösen Zufälligkeiten ein für alle Mal aus dem Wege 
zu gehen, fand sie endlich eine ebenso geniale wie 
einfache Lösung. „Pünktlichkeit“, sagte sic zu ihrem 
Generaldirektor, „ist die Höflichkeit der' Könige. 
Nie mehr will ich Sie in Ungelegenhciten bringen. 
Deshalb bitte ich Sic, mir zu gestatten, daß ich mir 
in ihrem Aufnahmeatelicr ein kleines Zimmer ein 
richten lasse. An jedem Abend vor großen Aufnahme- 
lagcn will ich mich dort auf einem schlichten Feldbett 
niederlcgen, um bei Sonnenaufgang pünktlich am 
Plat* meiner Tätigkeit sein zu können.“ 
Tränenden Auges bewilligte ihr der Generaldirektor 
diesen schlichten Wunsch, und hurtige Zimmerleutc 
bauten in kurzer Zeit auf dem Dach des Glashauses 
das dienstliche Schlafzimmer der dankbaren Filmdiva. 
Und wenn sic nicht gestorben ist, dann lebt sie 
heilte noch. Fritzdien.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.