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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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5 ist fast das einzige, an das ich mit Stolz und Wehmut 
—2 zurückdenke. 
Es war an einem ersten Januarwetlertag. Man sieht nur 
eilige Leute. Solche, die in ein warmes Heim eilen, andere 
die Besuche machen wollen, und noch andere, die sich ärgern» 
weil Feiertag ist und die nichts mit sich anzufangen wissen. Ich 
war ärgerlich, so arm zu sein. Mein Muff glich einem kleinen 
Hunde, der die Räude hat. Meine Absätze Louis XV. waren 
schief getreten und machten auf dem Pflaster nicht mehr Philinens 
lustiges clic-clac. Und der falsche Fuchs um meinen Hals 
lachte an seinem einen Ende ein scheußliches Lachen aus 
Pappendeckel. Ich fühlte das Elend, schlecht angezogen zu 
sein, und war doch so hübsch; der melancholische Zug um 
meinen Mund brachte cs nicht fertig, das lachende Licht meiner 
glänzenden Augen zu löschen. Ich wünschte mich zu Hause, 
vor einem flackernden Feuer, mit einem ausgeschnittenen Samt 
kleid angetan, und ich — vernahm undeutlich die Worte Eines, 
der mir artige Dinge in den Nacken flüsterte: 
„Mein Fräulein . . . .“ 
Es war eine heiße und zärtliche Stimme. 
„Mein Fräulein, hat man ihnen schon gesagt, daß Sie der 
Joconde gleichen? 
„Ja, mein Herr!“ sagte ich belustigt, denn alles war nicht 
wahr. Da ich der Joconde nicht gleiche, konnte man mir es 
nie gesagt haben. Wahrscheinlich war das sein Anknüpfungs 
punkt. Ein anderer fing einmal damit an: 
„Entschuldigen Sie, Fräulein, wenn ich Sie nicht begleite. 
Aber ich bin so eilig!“ 
Ich mußte lachen und — 
Also — ich drehe mich um und sehe einen 
goldnen, aufgezwirbelten Schnurrbart über 
lachenden, weißen Zähnen. Da wir beide 
lachten, sage ich: 
„Ja, mein Herr, und da einmal ein Maler 
die Ähnlichkeit bemerkt halle, beschwor er 
mich — ihn meine Beine malen zu lassen!“ 
„Nun und . . .“ 
„Es wurden eben die Beine der Joconde!“ 
„Aber, Fräulein, das ist ja gar nicht 
möglich. Sie haben ja eine ganz eigenartige 
Schönheit.“ 
„Sahen Sic das gleich — von hinten?“ 
Warum antwortete ich nur diesem Manne. 
Ich war frei, hatte keinen Tyrannen, kein 
Geschäft, keinen Beruf, und doch fühlte ich, 
je mehr ich ihn ansah: das wird dein Unglück. 
Konnte ich nicht frei bleiben. 
„Wollen Sie sich nicht ein wenig ausruhen?“ forschte er. 
„Ach ja.“ Die Wärme eines Grog americain verlockte mich. 
Ich wußte ein stilles Cafe und streckte mich wohlig, nach der 
Kälte, im warmen Raume auf die weichen, bunten Polster. Der 
Unbekannte entzifferte mich langsam, wohlwollend, zärtlich, 
lange, schweigend. Doch so eingehend, daß ich mich schämte. 
„Sehen Sie meine Hände nicht an. Ich war heute nicht bei 
der Maniküre. Sehen Sie meine Haare nicht an. Wie kann 
man bei dem Wind — unzerzaust sein? Sehen Sie meine 
Pelerine nicht an. Sie weiß selbst nicht, wo sie alle die Haare 
gelassen. — Ich lachte, aber die Tränen der Scham stiegen 
mir auf. 
„Ich sehe Sie an , enlgegnete er, „weil ich Sie so verteufelt 
hübsch finde.“ 
„Nicht wahr, in fünf Minuten werden Sie mir sagen, daß 
Sie mich lieben!“ 
Er antwortete mit furchtbarem Ernst: „Ich liebe Sie!“ 
Und er sagte es so, daß es gar keine Antwort zuließ. 
Ich drehte verlegen den Löffel in dem heißen Getränk, und 
unter dem Tisch berühren sich zufällig unsere — Beine — 
Füße — Glieder? 
Ich betrachtete aufmerksam seine beringten, gepflegten Hände, 
seine Halsbinde von schwerer Seide, seine elegante Weste, den 
strahlenden Zylinder auf dem Stuhl nebenan. Und ich wagte 
ihm gar nicht ins Gesicht zu sehen, aus Angst, ihn zu schön 
zu finden. Er streckte mir seine Hand über dem Marmor ent 
gegen, und ich ließ die meine hineinfallen, wie ein gezähmtes, 
bestricktes Vögelchen. — „Ich-liebe Sie!“ sprach er nochmals, 
mit Überzeugung. 
„Dann lassen Sie mich gehen“, sagte ich. 
„Sehen Sie mich doch gut an“, bat er, 
„und wagen Sie dann, das zu wiederholen.“ 
Ich sah ihm zum ersten Mal stramm ins 
Gesicht und erblaßte vo.r Bewunderung, 
„Ja, dann um so mehr. Ich habe Angst, 
ich fürchte, zu leiden.“ 
Er beschwor mich, zu bleiben. 
„Sie werden mich quälen, ich bin von 
Natur sehr eifersüchtig —“ 
Ich tauchte meine Lippen in den Grog, 
der kalt geworden und sprach: „Nein, ganz 
bestimmt, ich gehe.“ 
„Du wirst gehen“, sagte er auch bestimmt. 
„Aber Du wirst bei mir vespern. Inzwischen 
lue mir den Gefallen und kaufe Dir was 
hübsches, eine neue Pelerine, einen anderen 
Muff, Stiefelchen, die clic-clac sagen, wenn 
Du meine Treppen ersteigst.“ Und er schob
        
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