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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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—Mt®. 
Von 
Sa motraki 
\ le hatten lange Jahre nichts mehr von einander 
{ J gehört, da er in Belgien, sie in Oesterreich 
lebte. Jetzt trafen sie sich bei Berliner Bekannten 
wieder. Erfreut verabredeten sie, einen Abend zusammen 
zu sein, und er lud sie zum „Urfaust“ ein. Worauf sie 
ihn fassungslos ansah und bewundernd feststellte, daß er, 
der dreißig Jahre Aeltere, sich fabelhaft konserviert 
habe, — sie gehe schon lange nicht mehr in Literatur. 
Als sie also aus der „Sache mit Lola“ kamen, und 
er sie fragte: „Gehen wir noch irgendwohin?“, lachte 
sie: „Nein, wenn wir jetzt noch irgendwohin gehen, 
verführe ich Sie am Ende noch — und das können Sie 
doch nicht riskieren! Was sagt dann Ihre Frau Wirt 
schafterin?“ 
„Ficilich, im Esplanade könnten wir sie eventuell 
treffen — machen wir uns lieber einen „gemütlichen 
Abend“ und gehn wir in eine ganz kleine Weinstube 
im Westen! Sie heißt „Nach dem Theater“ und paßt 
sehr gut in die Stimmung.“ 
ln der Weinstube vergaß sie das löbliche Vorhaben, 
ihn zu verführen, sofort über den Herrn am Neben 
tisch, der ihr hinter dem Rücken seiner hübschen Be 
gleiterin die amüsantesten Blicke zuwarf. Dies wußte 
er so wirksam mit schlanker Größe und der distin 
guierten Eleganz des Nichtschiebers zu verbinden, daß 
auch die Antwortblicke nichts Unterhaltsames ungesagt 
ließen. 
Als sie bei Schluß das Lokal verließen, beschloß 
sie, morgen mit einer Freundin, er, ohne diese wieder 
zukommen. 
Da sie am nächstfolgenden Tag nach Wien fahren 
und sich vorher ausschlafen wollte, kam sie mit der 
sorgfältig ausgesuchten Freundin schon ziemlich früh in 
die kleine Weinstube „Nach dem Theater“. Als sie es 
schon aufgegeben hatte, den Tischnachbarn von gestern 
wiederzusehen, erschien er. Sie wartete, bis das be 
stellte Essen vor ihn hingesetzt wurde, dann ging sie. 
Kindlich beglückt, weil er sich nun ärgern würde, daß 
er dort festsaß. 
Fünf Minuten später trat er ihnen auf der Straße 
entgegen. Seine hinreißende Treuherzigkeit, der buch 
stäbliche Begleitumstand der ältlichen Freundin und ihr 
eigner, zeitgemäß unbeschwerter Leichtsinn ließen sie 
nach kurzem Zögern Zusagen, ihm in einen Klub zu 
folgen, wo es ihnen sicherlich gefallen würde. Die Aus 
stattung sei von erlesenem künstlerischen Geschmack, 
die Leute amüsant, interessant, elegant, die Stimmung 
ohnegleichen. 
Nach einer sehr langen Fahrt, immer in westlicher 
Richtung, hielten sie vor einem großen Hause, an dessen 
Nebeneingang sie klingelten. Nach kurzem Warten 
wurde geöffnet, und ein junger Mann führte sie über 
einen dunklen Gang durch den Keller, über den Hof 
und einen zweiten Gang in eine hellerleuchtete Wohnung 
in der ersten Etage. 
In der ganz reizend eingerichteten und mit prächtigen 
modernen Aquarellen geschmückten Diele wurden ihnen 
von einem Diener die Mäntel abgenommen. Der Ein 
druck des eleganten Vorraums und der aus den Zimmern 
dringende Lärm von Lachen und Fröhlichkeit nahm den 
beiden Damen die Beklommenheit, die sie während des 
Herkommens doch überfallen hatte. Sie hatten schon 
heimlich die Hände gerungen über sich und die kleine 
Weinstube „Nach dem Theater“. Immerhin — das für 
eine junge Dame der schon vor dem Kriege guten Ge 
sellschaft etwas reichlich gewagte Abenteuer erschien 
nun doch wieder verteufelt reizvoll. 
Sie betraten einen großen, strahlend erleuchteten 
Raum, in dem sich mehrere kleinere Tische befanden, 
von hochlehnigen Stühlen umstellt, die alle von sehr 
eleganten, meist jungen Leuten besetzt waren. Andere 
standen am Buffet und am Flügel, tranken Champagner, 
und hie und da küßte ein Kavalier seiner Dame eben 
die Fingerspitzen oder auch die Schulter. Das Bild 
war reizvoll genug, um den Eintretenden angenehm zu 
verblüffen und mit Schwung in eine leichtsinnige Stim 
mung zu versetzen, wenn anders er kein Philister war. 
Und das war die junge Wienerin ganz und gar nicht . . 
Eine weitoffene Schiebetür Heß den Blick in ein 
Nebenzimmer fallen, in dem ein ebenfalls von sehr be 
wegter Gesellschaft vollbesetzter langer Tisch stand. 
Ihr erster Blick fiel auf die Bekannten, mit denen sie 
am nächsten Tag nach Wien fahren sollte. 
Erschrocken griff sie nach der Hand ihres Begleiters 
und zog ihn hinaus, während die Freundin eben von 
der Hausfrau in ein Gespräch gezogen wurde. Sie 
eilten in ein gegenüberliegendes kleines Zimmer, in dem 
niemand war. Das war ihr nun auch wieder nicht recht; 
aber immerhin, der größten Gefahr, daß jemand •— 
und noch dazu jemand „von zu Haus“ — erfuhr, daß 
sie hier war, war sie entwischt. 
Und kaum, daß sie sich tiefaufatmend — unvor 
sichtigerweise aufs Sofa — gesetzt und er dicht neben 
ihr Platz genommen hatte, fing sie rasch, rasch an zu 
erzählen: wie sie sich freue, wieder nach Haus zu 
kommen, sie habe so ein hübsches Heim, ja, und einen 
netten Mann und dann die zwei ganz allerliebsten 
s o 
Kinderchen, ein Bub 
ziehe den Klaus und 
sei das Schönste, 
und ein Mäderl, und s i e vor 
der Papa die Fiametta, und das 
was es gebe, so eine glückliche,
        
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