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Full text: Berliner Leben Issue 24.1921

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Von Trude John 
I rren ist menschlich und Vergessen auch. Das kann man im Fund 
büro der Großen Berliner Straßenbahn feststellen. Wenn man 
dort hereintritt, möchte man überhaupt annehmen, daß ein höheres 
Gesetz die Leute, die sich der Großen Berliner Straßenbahn als 
Beförderungsmittel bedienen, zwingt, ihre Schirme, Stöcke, Pakete, 
Taschen usw. in der „Elektrischen“ liegen zu lassen. Ja, beim An 
blick der in riesigen Ballen zusammengebundenen und nach den 
Wochentagen, an denen sie gefunden wurden, in Ständern ge 
ordneten Regenschirme wird einem der Gedanke, daß es in Berlin 
noch einen Menschen gibt, der seinen Schirm in der Elektrischen 
nicht hat stehen lassen, immer unwahrscheinlicher. 
In langen, unübersehbaren Reihen drängt sich das Volk an die 
beiden Schalter, wo zwei ernste Männer mit durchdringenden 
Staatsanwaltsblicken die Herantretenden mustern und nach ihrem 
Begehr fragen: „Was wünschen Sie?“ — „Ich habe meinen Schirm 
in der Elektrischen stehen lassen!“ — „In welcher Elektrischen?“ — 
„ln Linie Nr. 54“ — „Wann?“ — „Mittwoch, den 2. Februar.“ — 
„Um wieviel Uhr?“ — „Um 4 Uhr nachmittags.“ — „Wie sah der 
Schirm aus?“ — „Er hatte einen hellen Stock und eine runde, 
glatte Krücke.“ — „Eis gibt viele Schirme mit hellem Stock und 
runder, glatter Krücke, das kann jeder sagen,“ meinte der Beamte 
hinter dem Schalter streng und sein B.ick wurde noch durchdringender. 
„Können Sie mir keine besonderen Merkmale Ihres Schirmes 
angeben?“ — „Doch, er hatte ganz unten ein talergroßes Loch.“ 
Darauf begibt sich der Beamte zu den am Mittwoch den 2. Februar 
stehen gelassenen und gefundenen Schirmen, zieht den ganzen 
Ballen mit wuchtiger Faust hervor, wirft ihn voller Schwung vor 
den Verlierer, der etwas erschrocken zurückprallt und sagt mit 
einer Stimme, die jedem durch Mark und Bein geht: „Zeigen Sie 
ihn mir!“ 
Dieses Ansinnen erscheint dem vor dem Schalter Bangenden 
ganz ungeheuerlich. Ja, der Beamte hatte wirklich recht. Es gab 
viele Schirme mit hellem Stock und runder glatter Krücke. Welcher 
mochte ihm wohl gehören? Jener dort sah seinem ähnlich, aber 
die Krücke erschien ihm etwas kleiner und der Stock von diesem 
hier mochte doch wohl etwas heller sein als seiner gewesen war. 
Und während dem Ung’ückseligen die Schweißtropfen vor Angst 
und angestrengtem Nachdenken auf die Stirne treten, durchbohren 
ihn die Augen des Beamten mit immer stechenderen Blicken, als 
wollten sie in sein tiefstes Inneres 
schauen um festzustellen, ob er sich 
vielleicht fremdes Gut anzueignen 
wünsche. Auf ein befehlendes: „Hm, 
hm!“ von Seiten des Herrn An 
gestellten, entschließt sich jener endlich 
zagenden Herzens und weist mit 
schüchternem, zitternden Zeigefinger 
auf den Schirm, der seinem ähnlich 
sah, aber dessen Krücke ihm etwas 
kleiner erschienen war. Allen Mut 
zusammennehmend und seiner Stimme 
Festigkeit verleihend, sagt er: „Der 
ist es!“ 
Wie wenn man einen Sünder auf 
frischer Tat ertappt, bohren sich die 
Blicke des Angestellten in das Gesicht 
des vor ihm Stehenden, als wollten 
sie sich dessen Züge recht genau ein- 
prägen, um sie das nächste Mal wieder 
zuerkennen, während er dem Armen draußen mit einer Stimme, 
in der sich Hohn und Verachtung den Rang streitig machen, die 
Worte entgegenschleudert: „Nein, der ist es nicht. Denn d-r 
wurde am Mittwoch, den 2. Februar um 10 Uhr vormittags, in 
Linie Nr. 161 gefunden.“ Und mit stillschweigender Verachtung 
ergreift der „Staatsanwalt“ das Bündel Schirme, stellt es wieder 
an seinen Platz in den eisernen Ständer und wendet sich dem 
nächsten Bittsteller zu, während jener, der so deutlich der Lüge 
überführt wurde, beschämt den Platz räumt. 
Der „Nächste war eine „Sie“, und zwar eine blutjunge Dame, 
die sich leicht errötend zu dem Ohr des strengen Beamten hinneigte 
und ihm etwas zuflüsterte. 
„Wie groß war das Paket?“ schrie der mit Stentorstimme. 
„Etwa so . . und die Dame spreizte beide Zeigefinger wagerecht 
in die Luft und gab die Dimensionen ihres liegen gelassenen 
Pakets an, die ungefähr 10 cm im Quadrat betragen mochten. 
„Auf welcher Linie haben Sie es vergessen?“ — „ln der Q- 
Bahn.“ — „Und was war drin?“ — „Butter!“ 
Alles brach in ein schallendes Gelächter aus und selbst der 
strenge Beamte konnte bei dem Gedanken nicht ernst bleiben, 
daß gerade die „Kuh“ die „Butter“ wieder hergeben sollte! 
„Es war wohl Margarine?“ wandte er sich an die immer tiefer 
errötende Dame. 
„Nein, es war Butter!“ antwortete die. Und als ihr der ab 
lehnende Beschcd wurde, daß man ihre Butter nicht gefunden 
habe, verschwand sie tränenden Auges. Wie hatte sie auch nur 
glauben können, daß gefundene Butter heute abgegeben werden 
würde? 
Hat nun aber einer das unerhörte Glück, das Kreuzverhör im 
Fundbüro der G B. S. mit la bestanden und alle Gefahren und 
Klippen glücklich umschifft zu haben, mit anderen Worten, stimmen 
die Aussagen des Verlierers genau mit den Aufzeichnungen überein, 
die auf dem an den verlorenen Gegenstand gehefteten weißen 
Zettelchen aufgeschrieben stehen, so stellen sich dem glücklichen 
Finder neue Hindernisse in den Weg. Schon hat er die Hand 
freudig an sein wiedergefundenes Eigentum gelegt, da zieht dei 
Beamte es noch einmal zurück: „Bitte, Ihre Ausweispapiere.“ 
„Ausweispapiere?“ 
„Jawohl: Geburtsschein, Steuerzettel, 
Mietsvertrag, was weiß ich, irgend 
etwas 1 “ 
„Ich habe nichts bei mir.“ 
„Dann kann ich Ihnen den Gegen 
stand auch nicht aushändigen. Kommen 
Sie bitte wieder.“ 
Und auch er, der das Glück in Ge 
stalt seiner verlorengegangenen und 
wiedergefundenen Ledermappe schon 
zu greifen und diesmal festzuhalten 
glaubte, muß das Fundbüro unverrich 
teter Dinge verlassen, das Fundbüro 
der G. B. S., das ihm einen Augen 
blick wie das Paradies erschienen war 
und ihn jetzt die Hölle dünkte. Denn 
es treiben sich dort viele Teufel herum, 
die sich auf das Geschäft des Schwin 
deins verstehen und sich ausweisen, 
ehe sie ausgewiesen werden.
        
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